Schräge Mädchen retten die Welt
#thatgirls und #cleangirls waren gestern. Die wirklichen Heldinnen einer nachhaltigen Mode für die Zukunft sind Maximalistinnen! Und sie halten sich an keine Regeln.
Sie sind die Farbblockerinnen, Muster-Kombiniererinnen, Stil-Mischerinnen, die Mode-Ikonen von Instagram. Und sie sind gekommen, um die Welt zu retten. Oder besser gesagt: Sie sind gekommen, um uns vor Überkonsum, kurzlebigen Modetrends und überquellenden Kleiderschränken zu bewahren. Und all das tun sie in absolut fantastischen Outfits.
Heute sind es nämlich die Fashionistas, die sich gegen die langweiligen Capsule-Wardrobes, neo-konservative Stilratgeber und neutralen Workout-Outfits auflehnen, die als Inbegriff von Stil gefeiert werden. Sie sind die Punks in einer Welt von wandelnden Hashtags und gleich aussehenden Influencern. Sie sind die Vorreiterinnen des Maximalismus.
Ein Covid-19-Symptom?
Besonders die Gen Z hat sich in die übertriebenen Silhouetten und auffälligen Looks des Maximalismus verliebt. Die Vorliebe der jüngeren Generationen für individuelle Ausdrucksformen hat zu einer neuen, mutigen Ästhetik geführt. Diese Vorliebe ist nicht aus dem Nichts entstanden. Tatsächlich scheint die Wiederentdeckung des Maximalismus ein soziales Symptom einer post-pandemischen Welt zu sein – eine stilvolle Heilung für die Depressionen, die wir während der Monate in Isolation durchlitten haben. Wie ein Artikel in L’Officiel hervorhebt: „Diejenigen von uns, die noch nie eine Stricknadel in die Hand genommen haben, wurden zu feinfühligen Designern und Maximalismus-Stil-Gurus. Chunky-Sweaters trafen auf Neon-Strumpfhosen und ausgefallene Frisuren, während Fake-Federn und Perlen-Schmuck im Alltag verankert wurden.“
Wie die meisten Pandemie-Trends wurde der neue Maximalismus auf TikTok populär, wo er einen starken Kontrast zur minimalistischen Ästhetik von #thatgirls und #cleangirls bildete. Und da TikTok so viele Cliquen hervorbringt wie eine High School in einer Hollywood Teenie-Komödie, wurde der Stil schnell als weird girl aesthetic bekannt. Mit Stil-Ikone Bella Hadid an der Spitze wurde die Renaissance des 90er- und frühen 2000er-Harajuku-Stils ausgerufen. Das wurde noch deutlicher, als 2020 die Heavn by Marc Jacobs-Kollektion erschienen ist, die sich explizit von der japanischen Streetstyle-Mode inspirieren liess.
Doch die Social-Media-Maximalisten wiederholen nicht nur einen 20 Jahre alten Trend, den sie während der Isolation ausgegraben haben, sondern verleihen ihm eine eigene Note. Sie sind von der Drag-Kultur beeinflusst (denken wir zum Beispiel an so überzeugt maximalistische Dragqueens wie Trixie Mattel und Kim Chi), und von Nischen-Phänomenen wie dem Hyper-Pop und der Bubblegum-Musik. Der Maximalismus der 2020er Jahre ist Ausdruck vieler Gen-Z-Werte, wie LGBTQ-Inklusion, kultureller Vielfalt und Body Positivity.
Der Mythos des nachhaltigen Minimalismus
Sogar Umweltbewusste finden in der Maximalismus-Szene ein warmes Zuhause. Während die sozialen Medien in den letzten Jahren ein zutiefst umweltfeindlicher Ort waren, der mit seinen immer kurzlebigeren Trends den Überkonsum aktiv vorangetrieben haben, legen die heutigen Maximalismus-Influencer Wert auf Recycling, Wiederverwendung und Umfunktionierung. Wie die Fashion-YouTuberin Mina Le erklärt: „Nachhaltigkeit ist auch ein überraschend wichtiger Katalysator für Maximalismus. Und das klingt irgendwie seltsam, weil man denken würde, dass man, um nachhaltig zu sein, minimalistischer sein müsste, weil man versucht, einen ‚Weniger-ist-mehr‘-Lebensstil zu führen.“
Und es stimmt: Minimalistische Ansätze in der Mode, wie die berüchtigte Capsule Wardrobe, versuchen den Konsum auf das Nötigste zu beschränken. Viele offen nachhaltige Marken wie Asket, Vetta oder ABLE sind für ihre minimalistischen Silhouetten, neutralen Töne und schlichten Texturen bekannt und bestätigen die Idee, dass Minimalismus und Nachhaltigkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Minimalistische Nachhaltigkeit betont oft die Umweltfreundlichkeit des einzelnen Kleidungsstücks und wie sie hergestellt wurden.
Gleichzeitig ist die Zeitlosigkeit der Basics meist nur theoretisch. Schauen Sie sich nur die Teile an, die 2010 auf Capsule-Wardrobe-Listen standen: So klassisch sie uns damals erschienen sind, sind die meisten kurz darauf wieder aus der Mode gefallen. Und da sich der minimalistische Stil ganz auf ein oder zwei Teile stützt, schaffen es die Basics der letzten Saison nicht einmal mehr ins diesjährige Lookbook.
Neu stylen ist die neue Nachhaltigkeit
Maximalismus hingegen dreht sich nie um nur ein Einzelstück. Der Stil lebt von kreativem Layering, neuen Kombinationen und der maximalen Nutzung jedes einzelnen Kleidungsstücks. Ein Top, das vor vier Jahren angesagt war, hat immer noch seinen Platz im maximalistischen Kleiderschrank, wenn auch auf unerwartete Weise; etwa als Farbakzent unter einem Kleid oder über einem Crop-Top mit Ärmeln. Maximalisten, die Stile mischen, aufeinanderprallen lassen und eine Vielfalt an Outfits kuratieren, verleihen ihren Kleidungsstücken eine schier unendliche Lebensdauer.
Der maximalistische Blick auf ökologische Mode liegt weniger im nachhaltigen Design und der Produktion, sondern vielmehr im nachhaltigen Styling: Flohmarktfunden wird neues Leben eingehaucht, die Schönheit aus der Mode gekommener Stücke wird aktiv wiederentdeckt und alte Kleidung wird immer neu ins Szene gesetzt. Nachhaltige Maximalismus-Influencer fördern Recycling statt Konsum, fordern aber nie Sparsamkeit. Die Accounts von @saracamposarcone, @polychrom3 oder @evelilycp sind Inspiration pur. Ihre Looks sind unterhaltsam, einzigartig und unerwartet, und es bringt Freude statt Langeweile, wenn ein bestimmtes Beret oder ein besonderer Stiletto in ihren Reels immer wieder auftaucht.
Statements setzen
Das Thrifting, also die Suche nach Flohmarkt- und Second-Hand-Fundstücken, war bereits ein zentraler Bestandteil des Harajuku-Streetstyles und seiner anti-kapitalistischen Grundhaltung. Auch heute noch sind nachhaltiger Maximalismus, die „Weird Girl Aesthetic“ und sogar absichtliche Expressionen von schlechtem Geschmack politische Statements. Sie zeigen einen ironisch-humorvollen Umgang mit dem Nihilismus, der sowohl durch die Klimakrise als auch die globale Gesundheitskrise entstanden ist. Mehr noch, sie sind eine offene Kriegserklärung an soziale Konventionen und Modevorschriften. Warum auf einen besonderen Anlass warten, um ein auffälliges Statement-Stück zu tragen? Warum auf ein Idealgewicht oder einen bestimmten Körpertyp hinarbeiten, bevor man sich traut, sich so freizügig oder exzentrisch zu kleiden, wie man möchte?
Natürlich ist Maximalismus nicht die langersehnte Lösung für die sozialen und ökologischen Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind. Das ist besonders deshalb der Fall, weil maximalistische Stile – wie jeder beliebte Trend – bereits jetzt auf eine Weise kommerzialisiert werden, die ihren ursprünglichen Intentionen zuwiderlaufen. Massenproduzierte, schnelllebige Mode im Pseudo-Vintage-Look und vorgefertigte eklektische Styles untergraben die ursprüngliche Aufmerksamkeit der Bewegung für Nachhaltigkeit und Inklusivität.
So sehr es auch Gründe für Zynismus gibt, die Welle an Kreativität und Individualismus, die derzeit durch die Jugendkultur und Online-Räume fegt, ist etwas, das man feiern sollte. Die TikTok-Maximalisten haben es geschafft, sich in einer Welt homogenisierender Algorithmen ihr eigenes Wunderland zu schaffen. Sie führen eine Rebellion gegen die kapitalistischen Schönheits- und Stilstandards der pseudo-minimalistischen #thatgirl-Ästhetik. Mehr noch, sie ermutigen uns, angesichts des Klimawandels zu experimentieren und zu gedeihen, statt einfach nur zu resignieren. Maximalistinnen haben das Potenzial, zu den Mode-Superheldinnen zu werden, auf die wir gewartet haben.