Das Heiligtum im Kleiderschrank
Marilyn Monroes berühmt-berüchtigtes ‘Happy Birthday’-Kleid wurde an der diesjährigen MET Gala zu einem kontroversen Hinguker. Die Empörung über die Neu-Inszenierung des Modestücks zeigt, wie sehr unsere Pop-Kultur von heute dem mittelalterlichen Heiligenkult gleicht.
„Ich hielt es für einen grossen Fehler. [Marilyn] war eine Göttin. Eine verrückte Göttin, aber eine Göttin. Sie war einfach fabelhaft. Niemand wurde so fotografiert. Und das Kleid war für sie gemacht. Es war für sie entworfen. Niemand sonst sollte in diesem Kleid zu sehen sein.“
Niemand sonst. Besonders nicht jemand wie sie.
Als Bob Mackie über Marilyn Monroes berüchtigtes „Happy Birthday“-Kleid sprach, das die berüchtigte Kim Kardashian bei der diesjährigen Met Gala trug, verlieh er der Empörung Ausdruck, die wie eine Flutwelle die Kommentarspalten von Modemagazinen überrollt hatte. Eine Empörung, die sich nicht auf die Welt der Modekonservatoren und Kostümhistoriker beschränkte, wie man es vielleicht erwartet hätte. Bemerkenswert ist, dass der Designer des fraglichen Kleidungsstück sich nicht in erster Linie um dessen Unversertheit sorgte, sondern die schlichte und einfache Tatsache anklagte, dass Marilyns Kleid von einer anderen getragen wurde. Die darauf folgende Online-Debatte stimmte ihm zu: Der Wert des Kleides wurde für viele Kritiker auf Twitter oder Instagram nicht durch sein Material, seine Handwerkskunst oder sein Alter bestimmt, sondern durch die Person, die es getragen hatte. Das Problem lag nicht darin, dass Kim Kardashian ein besonders historisch wertvolles Kleid trug, sondern dass sie Marilyns Kleid trug.
Mit Essenz durchtränkt
Es gibt viele gute Gründe, warum es als unethisch angesehen werden könnte, dass Kim Kardashian genau dieses Kleid trug. Die Fragen der Erhaltung und Konservierung sind dabei die überzeugendsten. Gemäss dem offiziellen Code of Ethics of the International Committee of Museums dürfen Kleider von hoher historischer Bedeutung einfach nicht getragen werden. Sie sollen in einem dunklen Tresor aufbewahrt, mit äusserster Sorgfalt behandelt und nur im dringendsten Notfall hervorgeholt werden. Sie sollen verborgen bleiben. Konservatoren und Kostümhistoriker haben noch nie so viel Aufmerksamkeit genossen wie in dem Moment, in dem sie diesen Skandal als das entlarvten, was er war. Ein bittersüsser Moment, wie die YouTube-Kommentatorin und Kleiderhistorikerin Abby Cox erklärt: „Die Tatsache, dass wir so viel Licht auf die Bedeutung von Kleidung und deren Rolle für das Verstehen unserer Geschichte werfen […] ist genugtuend. Aber es ist wahnsinnig frustrierend, dass es in dieser schrecklichen Situation passieren musste“, sagt sie in ihrem Video über den MET-Gala-Vorfall.
Und sie bringt berechtigte Argumente vor. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht muss der Moment, in dem Kim auf diesem roten Teppich erschien, ein Schock gewesen sein. Die Behind-the-Scenes-Aufnahmen von Assistenten, die verzweifelt versuchen, Kim in das Kleid zu zwängen, dürften nicht nur bei den Beteiligten für Schweissausbrüche gesorgt haben. Für Konservatoren und Historiker ist selbst der geringste Schaden, der durch das Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppichs oder von Kims Stiletto-Absatz, der sichtbar den Saum durchstach, verursacht wurden eine schwerwiegende Zerstörung eines Artefakts. Für sie gibt es nichts, das es rechtfertigen könnte, das Kleid einem solchen Risiko auszusetzen. Besonders, wie viele von ihnen argumentieren, ein Kleid von solcher Bedeutung.
An diesem Punkt jedoch vermischt sich das rein wissenschaftliche Argument der Kleidererhaltung mit einer merkwürdigen, fast hagiografischen Verehrung von Marilyn Monroe. Die historische Bedeutung von Marilyns ikonischem Auftritt in diesem Bob Mackie-Kleid wohnt nicht dem Ereignis an sich inne, sondern ist sozial konstruiert. Das gilt für die meisten popkulturällen Ereignisse. Sie sind nicht von Natur aus wichtig, sondern wichtig für uns. Sie gewinnen Bedeutung durch die Werte, Emotionen und Hoffnungen, die wir ihnen zuschreiben. JFKs berüchtigter Geburtstag, die Gerüchte, die er auslöste, und die Bilder, die daraufhin um die Welt gingen, sind zweifellos ins kulturelle Gedächtnis der westlichen Welt eingebrannt. Aber das sind sie, weil wir als Gesellschaft gemeinsame Werte und Gefühle auf sie projizieren. „Dieses Kleid ist mit Marilyns Essenz durchtränkt“, sagt Abby Cox. Und natürlich spricht sie von Monroes DNA und physischer Form, die im Stoff des Kleides bewahrt wurden. Gleichzeitig aber, spricht sie auch von der unsterblichen Essenz der Ikone.
Moderne Reliquien
So verstanden wird das Kleid zur Reliquie. Die Finger, Schlüsselbeine und Schädelknochen christlicher Heiliger galten siet der Spätantike als Träger ihrer spirituellen Kraft. Schon der blosse Anblick oder die Berührung einer solchen Reliquie war im Hoch- und Spätmittelalter ein buchstäblich religiöses Erlebnis für die Massen. Und natürlich erzielten diese Reliquien auch hohe Preise. Während und nach den Kreuzzügen florierte der Handel mit ihnen. Reiche Bischöfe und Klöster, Fürsten und Herrscher oder Adelsfrauen, ja jeder, der Rang und Namen hatte, musste eine Reliquie besitzen. Selbst wenn man nicht an ihre heil- und wundersame Wirkung glaubte, war man doch daran interessiert, ein Stück zu erwerben (vielleicht ein paar Zähne oder eine Locke), weil die Heiligen, denen sie zugeschrieben wurden, dem eigenen Prestige zuträglich waren. Eine Investition in den eigenen Ruhm, wenn man so will.
Angesichts der Tatsache, dass Marilyns „Happy Birthday“-Kleid 2016 für 4,8 Millionen Dollar verkauft wurde, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass solche Investitionen auch heute noch getätigt werden. Marilyn Monroe ist eine Heilige der Popkultur. Ihre Besitztümer und Kleider gelten als Reliquien ihrer unbeschreiblichen Essenz, ihres magischen Charmes. Die Erzählung von der unschuldigen und naiven Schönheit, die ausgebeutet und möglicherweise sogar ermordet wurde – man könnte sagen, gemartert – ist eine perfekte hagiografische Projektionsfläche.
Sowohl im Mittelalter als auch heute gilt: Heilige bringen Geld. Marilyn gehört zu den bestbezahlten toten Berühmtheiten aller Zeiten; und obwohl die Idee eines posthumen Geschäftszweig bizarr und unethisch anmutet, sind es täglich Unsummen, die auf diese Weise erzielt werden. Menschen, die um den persönlichen Verlust ihrer Idole trauern, sind bereit, ihr Vermögen herzugeben, um sich ihnen wieder nah zu fühlen, während andere ihre Chance wittern, vom Tod zeitgenössischer Heiliger zu profitieren.
Das Heilige tragen
Ein solcher Tod war der von Prinzessin Diana im Jahr 1997. Und ähnlich wie Marilyns Tod wurde auch ihrer von vielen als Martyrium verstanden: Hier war eine junge, wunderschöne Frau, die den royalen Ethos von Verantwortungsbewusstsein, Großzügigkeit und Güte verkörperte, nur um schliesslich der Sensationsgier der Massen zum Opfer zu fallen. Einer der trauernden Bewunderer hinterließ eine Notiz am Ort ihres tödlichen Unfalls, befestigt an einem der Hunderte Blumensträuße: „Geboren als Lady, zur Prinzessin geworden, als Heilige gestorben“.
Prinzessin Dianas Kleider wurden zu Reliquien. In einer BBC-Dokumentation von 1999 mit dem Titel Sacred Relics? wird dieses Phänomen eindrucksvoll dargestellt. Es zeigt, wie die Kleider auf Auktionen verkauft, auf Pressetouren mitgenommen, Tag und Nacht von Wachen beschützt und für wohltätige Zwecke ausgestellt wurden. Und obwohl alle auf den Wert und die historische Bedeutung der Kleider hinweisen, werden sie dennoch getragen.
Eine Frau, die Dianas berühmtes, vom russischen Ballett inspiriertes Emanuel-Kleid gekauft hatte, liess es ihre Tochter anlässlich einer Wohltätigkeitsveranstaltung tragen. „Die Leute waren begeistert! Wir haben das Beste bis zum Schluss aufgehoben“, erzählte sie danach. Ein schwarzes Paillettenkleid, das die französische Zeitschrift Paris Match versteigert hatte, wurde als Preis unter Leser:innen verlost. Eine Arzthelferin gewann es, und ihre Tochter trug es für ein umfangreiches Fotoshooting, bevor sie es an ein Museum verkaufte. Das Mädchen sagte später über das Kleid: „Für uns ist es zu einer Reliquie geworden“. Ein weiterer erfolgreicher Bieter, dessen Tochter regelmässig eines von Dianas blauen Satinkleidern trug, hatte eine einfache Regel für die angemessene Nutzung eines so wertvollen Gegenstands: „Ich habe kein Problem damit, dass sie es in Situationen trägt, in denen es auch anderen Menschen zugänglich ist. Ich wäre sehr dagegen, wenn sie es zu einer Party anziehen würde“. Einmal gab sie es ihrem Stallmeister, um es bei der National Miniature Horse Show in Virginia zu tragen. „Es standen erwachsene Männer da, mit Tränen in den Augen.“
Keiner dieser Vorfälle hat auch nur annähernd die Empörung ausgelöst, die Kims Auftritt im Bob Mackie-Kleid von Marilyn auslöste. Die öffentliche Reaktion auf diese Ereignisse war und scheint bis heute grösstenteils positiv zu sein. Und obwohl es natürlich Unterschiede zwischen den Kleidern gibt – in Alter, Stoff und popkultureller Bedeutung – gibt es einen weiteren Grund, warum Menschen bei Dianas Kleidern Tränen der Rührung in den Augen haben, aber beim Erscheinen von Marilyns Kleid auf der MET-Gala höchstens Tränen der Wut.
Wer ist würdig?
Im Mittelalter wurden Reliquien oft genutzt, um Gelder für Kirchen und wohltätige Zwecke zu sammeln. Sie hatten nicht nur eine spirituelle, sondern auch eine soziale Funktion. Der Missbrauch von Reliquien und heiligen Gegenständen war weit verbreitet, wurde aber scharf kritisiert, schon vor der Reformationszeit. Es gab mehr und weniger ethische Wege, mit den Toten Geld zu verdienen: Den Glauben der Massen für persönlichen Gewinn zu nutzen, wurde damals ebenso verurteilt wie heute.
Das gleiche Gefühl spiegelt sich in vielen der Social-Media-Posts wider, die Kim Kardashian und Ripley's kritisieren. Hier ist eine Person, die reich genug ist, sich eine echte Reliquie zu leisten – einen Gegenstand, der in gewisser Weise als öffentliches Eigentum betrachtet wird – und das zu rein egoistischen Zwecken. Nur um ein Mode-Statement zu setzen. Nur für einen PR-Gag. Eine Berühmtheit, deren öffentliches Image zudem nicht weiter entfernt von dem einer Heiligen sein könnte. Eine Person, der Wohltätigkeit egal zu sein scheint.
Wäre der Vorfall anders bewertet worden, wenn nicht Kim, sondern eine unscheinbare Bürgerliche das Kleid getragen hätte? Eine Repräsentantin des Volkes? Hätte es eine so grosse Empörung gegeben, wenn das Kleid für einen wohltätigen Zweck der Öffentlichkeit gezeigt worden wäre? Die meisten Konservatoren und Historiker wären wohl auch dann bei ihrer Meinung geblieben. Aber die vielen Menschen, die Kim Kardashian in einem „heiligen Kleid“ als Affront und nicht als Hommage empfanden, hätten mit grosser Wahrscheinlichkeit eine andere Reaktion gehabt. Für sie geht es nicht darum, ob historische Kleider überhaupt getragen werden können. Sie betrachten sie als heilige Reliquien, die nur von Würdigen getragen werden dürfen; nur für würdige Zwecke berührt werden dürfen.