Auf der Suche nach (Wahn-)Sinn

Mit einer Reihe an neuen Verschwörungs-Satiren füttert Netflix unsere Lust am Alltagsgrusel, und entlarvt den kleinen Verschwörungstheoretiker in uns allen.

Fünf Männer. Sie sind reich. Sie sind weiss. Und eigentlich sollten sie tot sein. Aber heimlich regieren sie die Welt.

The Pentaverate ist das neueste Projekt des Comedy-Urgesteins Mike Myers. In echter Mike Myers-Manier ist es vollkommen übertrieben, kitschig und zugegeben witzig. Die Handlung ist verschachtelt, aber die Grundidee ist simpel: Ein älterer kanadischer Journalist sucht nach der einen bahnbrechenden Story, die seine Karriere retten könnte. Seine letzte Hoffnung ist es, das Pentaverat, eine wohlwollende Geheimgesellschaft, die angeblich die Welt regiert, zu entlarven. Wird sich herausstellen, dass dies die eine Verschwörungstheorie ist, die tatsächlich wahr ist?

The Pentaverate ist die neueste in einer Reihe von Verschwörungssatiren, die Netflix veröffentlicht hat. Im Herbst 2021 wurde die animierte Serie Inside Job ausgestrahlt. Mehr eine Arbeitsplatzkomödie im Stil, erzählt sie die Geschichte von Reagan Ridley, einer jungen Wissenschaftlerin auf dem Weg zur Geschäftsführerin von Cognito Inc., der Deep-State-Firma, die für die meisten Verschwörungen der Welt verantwortlich ist. Spendensammeln bei reptilischen Gestaltwandlern, das Klonen und Ermorden von Politikern und Prominenten, das Erschaffen eines Roboter-Doubles des US-Präsidenten und der Konkurrenzkampf mit den Illuminaten … all das ist Alltag bei Cognito Inc.

The Pentaverate und Inside Job spielen sowohl mit klischeehaften Verschwörungstheorien als auch mit den sozialen und wirtschaftlichen Gründen, warum solche Theorien entstehen und sich weiterhin Beliebtheit erfreuen. Natürlich sind es Parodien. Aber sie verführen ihr Publikum subtil und clever dazu, insgeheim zu hoffen, dass einige dieser abgedrehten Theorien doch wahr sein könnten.

„Wahre“ Verschwörungen

Netflix’ Faszination für Verschwörungen ist langjährig. Dokumentationen wie Cowspiracy, Seaspiracy (warum haben sie sie nicht „Conspira-Sea“ genannt?) und The Family haben versucht, „wahre Verschwörungen“ aufzudecken. Sie beschäftigen sich nicht mit angeblichem Kunstschnee in den Alpen oder der Existenz eines bösen Kinder verschlingenden Kabals, sondern mit der Rolle, die grosse Konzerne oder politische Allianzen für das soziale und ökologische Schicksal unserer Welt spielen. Die Geheimnisse, die sie enthüllen, sind nicht unbedingt Wahrheiten, die systematisch von einer Untergrundgesellschaft verborgen werden (wie die Behauptung, dass die Erde flach ist), sondern mehr oder weniger frei zugängliche Fakten, die bisher ewenig Beachtung gefunden haben. Menschen, die an die Wahrheiten von Cowspiracy oder Seaspiracy glauben, würden kaum als Verschwörungstheoretiker gelten. Schon alleine deshalb nicht, weil es sich bei den Inhalten nicht um eigentliche Theorien handelt. Man kann darüber streiten, ob diese Dokumentationen bestimmte Fakten dramatisiert oder übertrieben haben, aber sie basieren dennoch auf Fakten und nicht auf Wahnvorstellungen.

Die absurdesten Verschwörungstheorien sind leichte Zielscheiben für Spott und Häme. Menschen, die an eine geheime Regierung von Echsenmenschen glauben, haben den Bereich des öffentlichen Diskurses und des gesunden Menschenverstands effektiv verlassen und eine parallele Realität betreten. Mit diesen Menschen zu debattieren, ist unmöglich, da für sie Fakten jede Bedeutung verloren haben. Es wäre jedoch ein grober Fehler, das Problem der Verschwörungstheorien auf die extremen Wahnvorstellungen einiger weniger zu reduzieren.

Der Graubereich der Subjektivität ist viel größer und weitaus interessanter: Die meisten Menschen glauben nicht, dass sie systematisch durch Chemtrails vergiftet werden, aber wenn man sie fragt, ob die Pharmaindustrie vielleicht mit der Tierwirtschaft konspiriert, um die Bevölkerung krank zu machen (wie es in der umstrittenen Dokumentation What the Health behauptet wird), würden viele derselben Menschen eine Möglichkeit einräumen. Und während die Demonstranten, die normalerweise beim G8-Gipfel oder vor dem WHO-Hauptquartier stehen, kaum erwarten, dort bluttrinkende Illuminaten anzutreffen, glauben die meisten von ihnen sicher, dass eine kleine, übermächtige Elite zunehmend zentrale Kontrolle über die Welt gewinnt. Wenn die gemeinnützige Medienplattform OpenDemocracy eine Liste von „echten Verschwörungstheoretikern“ veröffentlicht, ist ihr bewusst, dass ihre Postulate den Fehlinformationen, die sie anprangern, sehr nahestehen. Dennoch bestehen sie auf der Gültigkeit ihrer Behauptungen.

Er sagt, sie sagt, wer sagt?

Aber: Würde nicht jeder Verschwörungstheoretiker dasselbe tun? Hier wird die Welt der Verschwörungstheoretiker ebenso komplex wie gefährlich. Der Aufstieg des breiten Internetzugangs, vermeintlich allwissender Suchmaschinen und einer buchstäblichen Wissensüberflutung hat zur Vorstellung beigetragen, dass jeder und jede einfach „eigene Nachforschungen“ anstellen kann. Glauben Sie der Pharmaindustrie nicht? Recherchieren Sie zu homöopathischen Lösungen, „Energiearbeit“ und der Auswirkung Ihrer Ernährung auf Ihre Gesundheit. Vertrauen Sie den Impfstoffentwicklern nicht? Stellen Sie eigene Recherchen an, und versuchen Sie, Statistiken oder Listen von Inhaltsstoffen zu entschlüsseln, von denen Sie noch nie gehört haben. Wikipedia oder Telegram, WhatsApp-Chats oder Blogs: irgendjemand wird auf Ihre brennenden Fragen schon eine passende Antwort haben. Wenn jeder mit seiner eigenen Version von Fakten arbeitet, wird die Wahrheit nicht mehr durch ihre Faktizität bestimmt. Sie wird davon bestimmt, wem man vertraut.

Wahrheit und Autorität waren schon immer eng miteinander verbunden. Ohne die Wahrheit ganz in subjektivem Relativismus auflösen zu wollen, ist es dennoch sinnvoll zu beobachten, dass die Art und Weise, wie Wahrheit präsentiert, bewertet und beurteilt wird, schon immer von Autoritäten bestimmt wurde. Die zentrale Frage, die jeder Verschwörung, ob real oder fiktiv, zugrunde liegt, lautet: Wer sind die Autoritäten, die unsere Wahrnehmung der Wahrheit bestimmen?

Eine Frage des Vertrauens

Keine Verschwörungssatire im eigentlichen Sinne, aber der Film, der diese Frage in letzter Zeit am kontroversesten behandelt hat, war Netflix’ Don’t Look Up. Die Idee eines Asteroiden, der auf die Erde zurast, während die Welt weiterhin unsinnige TikTok-Tänze aufführt, ist die nicht ganz so dystopische Darstellung dessen, was passiert, wenn Experten nicht mehr als Autoritäten angesehen werden. Der Film zeigt den schnellen Abstieg zweier Wissenschaftler in den Wahnsinn, während sie vergeblich versuchen, Politiker und TV-Moderatoren davon zu überzeugen, dass das Ende der Welt bevorsteht.

Verschwörungstheoretiker sind in Don’t Look Up ein Randphänomen. Sie treten hauptsächlich als fanatische Anhänger einer Trump-ähnlichen Präsidentin (gespielt von Meryl Streep) auf, die ironischerweise glauben, dass sie von der „großen Wissenschaft“ mit Fehlinformationen gefüttert werden. Ihr Sinn für Autorität ist einfach: Nur diejenigen, die ihren wissenschaftsskeptischen Standpunkt bestärken, sind vertrauenswürdig. Natürlich ist dieses Szenario alles andere als weit hergeholt. Wir haben es in Echtzeit erlebt, als eine seltsame Mischung aus rechtsgerichteten Fundamentalisten, esoterischen Anhängern „ganzheitlicher Gesundheit“ und unabhängigen Anarchisten verkündete, dass Covid-19 ein Schwindel sei. In einem Kulturkampf, der sich weniger um Fakten als um das Vertrauen in widersprüchliche Autoritäten drehte, wurde die Wahrheit formbar und subjektiv, und die Welt wurde komplexer.

Wäre es nicht schön, jemanden zu haben, den man zum Sündenbock mach kann?

Sowohl Verschwörungstheoretiker als auch ihre Kritiker haben begonnen, sich die gleiche Frage zu stellen. Cui bono? In diesem Fall: Wer würde von einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft profitieren? Ihre Antworten könnten unterschiedlicher nicht ausfallen, aber es eint sie die Hoffnung auf eine einfachere Welt. Eine Welt, in der eine Handvoll Bösewichte für das gesamte globale Chaos verantwortlich ist, und eine Welt, in der diese schliesslich entlarvt und für ihre bösen Taten bestraft werden.

Netflix' Inside Job tut genau das. Cognito Inc. ist die Art von Firmen-Schreckgespenst, auf die man alles schieben kann: die globale Erwärmung, die Massenverblödung, Pandemien, Hungersnöte oder Armut. Anstatt die schier undurchdringliche Komplexität anzuerkennen, die diesen Problemen zugrunde liegt, wäre es so viel einfacher, wenn wir nur eine einzige Ursache identifizieren könnten. Eine Ursache, die uns nicht zwingt, den Glauben an das Gute im Menschen infrage zu stellen, sondern nur dazu veranlasst, ein Unternehmen an den Pranger zu stellen.

Ist die Idee eines so universalen Bösewichts zu beängstigend für Sie? Vielleicht gefällt Ihnen, was The Pentaverate zu bieten hat: Eine geheime Organisation von Helden, die unermüdlich daran arbeiten, die Probleme der Welt zu lösen, damit Sie es nicht tun müssen.

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