Unterwürfige Göttinnen
Spirituelle Influencer rufen die Renaissance der “göttlichen weiblichen Energie aus”. Ihr Versprechen: Mehr und besseren Sex, und zufriedenere Beziehungen. Aber die Geschlechterrollen hinter ihrer Philosophie sind gar nicht mal so neu – und gefährlicher als sie klingen,
Sie leiten Intimitäts-Workshops in Jurten, lehren die Kunst des Lapdance, verkaufen Dildos aus Rosenquarz und helfen dabei, unterdrückte Fetische neu zu entdecken. Alles mit einem Ziel: die eigene Libido wieder auf Trab zu bringen! In Podcasts, Insta-Posts und Facebook-Gruppen versichern sie ihren sexuell frustrierten Followern, dass auch sie ihre „innere Schlampe“ wiederentdecken und ihren kosmischen Lebenszweck durch dreimal tägliche Selbstbefriedigung ehren können. Auf den ersten Blick haben sie nichts gemein mit den christlichen Fundamentalisten, die sie als prüde und unterdrückt bezeichnen würden, und von denen sie selbst wahrscheinlich als Heiden oder Hexen betitelt würden. Doch in der Welt der esoterischen Sexberater und spirituellen Heiler ist nicht alles so, wie es scheint. Wer sind diese Menschen eigentlich?
Die Goddess-Bewegung
New-Age-Spiritualitäten – ja, im Plural – sind notorisch schwer zu definieren. Sie sind oft eklektisch und synkretistisch und lehnen traditionelle Formen der Institutionalisierung weitgehend ab. Doch hin und wieder nimmt ein spiritueller Ansatz ein bestimmtes Label an, wird im Mainstream sichtbar und versucht, die Kultur mit seinen zentralen Lehren zu beeinflussen. Ein solcher Ansatz ist die „Goddess-Bewegung“. Entstanden im 19. Jahrhundert, wurzelt sie im Aufschwung der ersten Frauenbewegung: Die Idee einer weiblichen Gottheit, die alte matriarchale Gesellschaften geprägt hatte, beeinflusste viele feministische Denkerinnen und wurde im Laufe der Geschichte des Feminismus immer neu aufgelegt. Während die Begründerinnen möglicherweise ehrliches Interesse an anthropologischen und archäologischen Erkenntnissen hatten, wurde die Goddess-Bewegung der 60er und 70er Jahre zunehmend pseudowissenschaftlich und schließlich sogar wissenschaftsfeindlich.
Es gibt keine einheitliche Doktrin der Goddess-Spiritualität, doch ihre verschiedenen Vertreterinnen sind dafür bekannt, alte Mythologien (vom griechischen Pantheon bis zum Neopaganismus) miteinander zu vermischen und eng mit esoterischen Praktiken zu verknüpfen. Über diesen Ideenmix hinaus gibt es ein gemeinsames Ziel: das „Weibliche“ zu verehren und Frauen zu ermutigen, ihre göttliche Essenz auszudrücken. Das mag mit dem Feminismus der ersten und zweiten Welle kompatibel gewesen sein (obwohl Kritikerinnen schon damals Zweifel geäussert haben), aber lässt es sich mit dem heutigen inklusiven Feminismus in Einklang bringen, der bestrebt ist, Geschlechterbinaritäten zu überwinden?
Im Vergleich zu anderen feministischen Strömungen ist der spirituelle Feminismus der Goddess-Bewegung eher unpolitisch. Er konzentriert sich meist auf die individuelle Selbstverwirklichung statt auf soziale Gerechtigkeit. Häufig wird dabei die sexuelle Natur sakralisiert. Das „Weibliche“ und das „Männliche“ werden hier nicht als soziale Konstrukte betrachtet, sondern als essenzielle und göttliche Pole des Seins. Die Geschlechterbinarität – oder „Dualität“ – ist ein wesentlicher Bestandteil der Goddess-Spiritualität. Sie ist nicht theoretisch: Sie definiert konkret, wie Männer und Frauen ihre Rollen, ihr Verhalten und ihre Interaktionen leben sollen.
Sex sells
Spiritualitäts-Influencer, meist Millenials und Gen-Z, die auf Instagram, TikTok und Co. ihr Unwesen treiben, wissen meistens wenig darüber, woher ihre Überzeugungen stammen. Astrologie, Tarot, Hexerei und gelegentlich buddhistische Weisheiten gehen hier Hand in Hand. Es scheint, als sei alles erlaubt, solange es die Menschen glücklicher, gesünder und in den meisten Fällen sexuell zufriedener macht. Spirituelle Sex- und Beziehungs-Coaches gibt es auf diesen Plattformen zuhauf, und das sollte nicht überraschen: Influencing ist nichts anderes, als Menschen Fantasien zu verkaufen. Am Besten Dinge, die sie nicht haben, aber verzweifelt wollen. Und für viele ist das Sex.
In den letzten Jahren haben eine Vielzahl von Angst schürenden Studien das Ende der Sexualität ausgerufen. Sie sprechen über zunehmend sexlose Ehen, sexuell frustrierte Feministinnen oder Koreas abstinenten „Herbivoren“. increasingly sexless marriages, sexually frustrated feminists, or Korea’s abstinent ‚herbivores‘. Ihr Argument ist einfach: Die allmähliche Auflösung traditioneller Geschlechterrollen hat zu einem Verlust an Intimität bei jüngeren Generationen geführt. Anders gesagt: Kein Sex ohne sexuelle Polarität zwischen männlicher und weiblicher Energie.
In der Welt der spirituellen Influencer taucht diese Idee immer wieder auf. Der Hashtag #divinefeminine bietet eine schier endlose Fülle an Inspiration, Ratschlägen und Gesellschaftskritik. Es gibt Anzeigen für „Weibliche Energiearbeit und spirituelles Erwachen“, astrologische Beobachtungen über die Position der Venus, NSFW-Bilder von Orgasmus-Workshops, Erklärungen zu den 7 Archetypen der göttlichen Weiblichkeit und unzählige Anleitungen, wie man die richtige und gesunde weibliche Energie ausstrahlt. Podcast-Episoden mit Titeln wie „Rufe dir einen König als Partner ins Leben“, „Die Magie des erotischen Tanzes und der Anbetung“ und „Geheimnisse einer gut-ge****ten Frau“ versprechen den Schlüssel zum Glück, im Bett und im Leben.
Die Ideen der Goddess-Bewegung werden neu inszeniert, behalten aber ihren synkretistischen und mythologischen Charakter. Freilich könnte man diese Szene als Sumpf esoterischer Klischees abtun. Doch die zugrunde liegende Geschlechterideologie allein ist es wert, diesen noch einmal unter die Lupe zu nehmen.
Misogynie, neu aufgelegt
Die göttliche Weiblichkeit ist am glücklichsten, wenn sie die Kontrolle abgibt. Wenn sie sich dem Männlichen hingibt. Wenn sie ihren besonderen „weiblichen Platz“ kennt. Klingt das nicht irgendwie bekannt?
Es braucht nicht viel Scrollen, und zwischen den Posts über Manifestieren, Salbei-Räuchern und Meditieren erscheinen düsterere Inhalte. Accounts mit so aufschlussreichen Namen wie „purepatriarchalpower“ oder „patriarchalfemininity“ nutzen die Hashtags #divinefeminine und #divinemasculine freizügig und offenbaren das wahre Problem der wiederaufgelegten Goddess-Theorie: Die Idee der sexuellen Polarität zwischen männlicher und weiblicher Energie erfordert geht Hand in Hand mit starren Geschlechterrollen.
Das klingt nicht zufällig nach religiös-konservativen Wertvorstellungen. Deren Grundhaltung ist es, dass männliche und weibliche Qualitäten einander ergänzen, wobei Männer und Frauen in unterschiedliche soziale Rollen erfüllen sollen. Welche das genau sind, wird im religiösen Kontext meist auf der Grundlage der jeweils Heiligen Schrift definiert. Meist ist man sich jedoch einig: Frauen sollen untergeordnete und häusliche Rollen einnehmen sollen, während Männer als Ernährer und Oberhäupter der Familie dominantere Funktionen zu erfüllen haben. Natürlich steht für religiöse Fundamentalisten selten im Vordergrund, dass durch eine solche Rollenverteilung die Qualität und Häufigkeit von Sex gesteigert werden ssoll. Doch die Geschlechterideologie, die sie vertreten, ist denen der New-Age-Influencer auf den sozialen Medien dennoch überraschend ähnlich.
Das zeigt sich besonders darin, wie die beiden Gruppierungen, den Feminismus der letzten Jahrzehnte beurteilen. Dieser habe das Männliche entmannt und Frauen in eine dominante Rolle gebracht. Dadurch sei eine Verschiebung der natürlichen Geschlechterharmonie entstanden. Dieses Gefühl liegt sowohl der konservativen Ideologie zugrunde, die den Verlust „traditioneller Familienwerte“ beklagt, als auch der Welt der Insta-Gurus und spirituellen Suchenden, die den Verlust sexueller Spannung in heutigen Paarbeziehungen betrauern. Beide locken ihr Publikum mit dem Versprechen, sie vor der traurigen, deprimierenden und unaufregenden Realität zu retten, die sie in einer egalitären Gesellschaft sehen. Das verleiht den Geschlechterrollen und dem Sex eine fast messianische Kraft.
Aber die Geschlechterbinarität und die Pseudowissenschaft der sexuellen Polarität sind wohl kaum magische Elixiere. Sie können weder Ehen im Alleingang retten noch die Fortpflanzung der Gesellschaft sicherstellen. Sich ihnen zu unterwerfen, verbessert nicht wie von Zauberhand die psychische Gesundheit einer Generation. Und vor allen Dingen können sie die sozialen Probleme nicht lösen, an denen sie massgeblich mitschuldig sind.