Von Masken und Maulkörben

Als ich sie zum ersten Mal sah, kam sie mir so vertraut vor.

Mitten in der Pandemie trugen wir nun schon seit Monaten Schutzmasken, und sie wirkten auf den Gesichtern anderer Menschen ganz natürlich. Fast hätte ich ihr gesagt, sie solle gefälligst auch ihre Nase anständig bedecken. Sie wirkte ganz und gar nicht fehl am Platz. Doch mehr als 500 Jahre trennten uns voneinander.

Die anonyme Witwe
St. Peterskirche, Basel (Schweiz). Bild: Jean Jacques Schaffner

Sie ist eine Holzschnitzerei in den Chorgestühlen der Peterskirche in Basel, gefertigt im Jahr 1494. Ihre seltsame Gesichtsverhüllung sollte sie natürlich nicht vor Covid schützen. Aber der Gedanke, dass sie sich damit vor einer anderen Krankheit hätte schützen können, ist gar nicht weit hergeholt. Gesichtsbedeckungen wurden auch im Mittelalter genutzt, um Pest- und andere Epidemien einzudämmen. Es gibt viele mittelalterliche Darstellungen – insbesondere von Männern – mit Gesichtsmasken, die unseren heutigen Schutzmasken sehr ähnlich sind.

Doch wenn mittelalterliche Frauen diese unbequemen Stoffstücke über ihren Mündern trugen, hatten sie wohl kaum ihre Gesundheit im Sinn. Ihre Masken wurden Barben genannt, nicht zufällig wie das französische Wort für Bart. Sie waren ein Ausdruck der Sittlichkeit und der Trauer. Witwen trugen sie, um zu signalisieren, dass sie nicht auf der Suche nach einem neuen Mann und für allfällige Avancen nicht zu haben waren.

Die Barbe sollte die Schönheit der Frauen verbergen und mögliche Verehrer abschrecken. Sie war Teil einer Kultur, die Sittsamkeit, besonders die einer Frau, als soziale Tugend schätzte. In der Regel war sie Teil einer aufwendigeren „Uniform“, wenn man so will, und nur eine von vielen Textilien, in die sich eine Frau hätte hüllen sollten. Ihre Brust, ihren Hals, ihren Kopf, ihre Ohren, ihre Arme und ihr Kinn. Ihren ganzen Körper. Die Barbe war der letzte Schliff in einem aufwändigeren Prozess, eine Frau sowohl romantisch unverfügbar als auch sozial angepasst erscheinen zu lassen.

Das macht die Witwe von Basel so rätselhaft. Anders als die meisten Bilder und Statuen, die trauernde mittelalterliche Frauen darstellen, trägt sie die Barbe als einziges Zeichen der Sittlichkeit. Alle anderen gängigen Symbole von Demut und Trauer fehlen. Sie ist zum Beispiel die einzige Darstellung, die ich bisher gefunden habe, bei der eine Frau ihren Mund, aber nicht ihr Haar bedeckt. Stattdessen trägt sie eine wunderschöne Krone aus Zöpfen.

Im Italien des 15. Jahrhunderts begannen Frauen, die sozialen Erwartungen der Bescheidenheit und Demut aktiv zu unterlaufen, und verwandelten ihre Haarbedeckungen in modische Statements. Sie begannen, kunstvolle Zöpfe zu tragen und sie mit transparentem Schleier zu bedecken. Gerade nicht, um sie zu verbergen, sondern um sie zur Schau zu stellen. Diese nur sanft bedeckten Zöpfe waren, könnte man sagen, das Gegenteil von sittsam und betonten die Reize einer Frau elegant.

Unsere Witwe von Basel geht sogar noch weiter als die italienischen It-Girls ihrer Zeit. Ihre Zöpfe sind völlig unbedeckt. Nicht einmal ein Anschein falscher Scham ist zu erkennen! Es ist eine Frisur mit einer eindeutigen Botschaft: Lange möchte sie nicht Witwe bleiben. Zusammen mit ihrer auffällig üppigen Brust, die der Künstler mit viel Sorgfalt geschnitzt hat, sehen wir hier eine regelrechte, spätmittelalterliche Femme Fatale.

Und dennoch – die Barbe. Warum würde sie sich die Mühe machen, sie zu tragen? Auf ihrem Gesicht wirkt dieses Sinnbild sozialer Konvention wie ein hohles Symbol. Mehr noch, sie scheint das Kleidungsstück geradezu zu verhöhnen. Ihr verdeckter Mund mag um ihren verstorbenen Ehemann trauern, aber der Rest ihres Körpers erzählt eine ganz andere Geschichte.

Die Witwe von Basel ist Teil eines buchstäblichen Chors seltsamer und rätselhafter Figuren. Merkwürdig aussehende Mönche, groteske Gesichter mit Narrenmützen und Menschen mit Tierköpfen. Die Peterskirche ist nicht die einzige Kirche, die eine solche illustre Gesellschaft in ihre heiligen Hallen gelassen hat. Chorgestühle waren oft mit fantastischen, makabren oder sogar obszönen Bildnissen verziert. Fantastische Fauna erscheint hier neben bissiger Gesellschaftskritik. Der Fantasie der Künstler waren bei der Gestaltung der Chorgestühle oft keine Grenzen gesetzt, und einige schmuggelten sogar antiklerikale Satire in ihre Werke.

Der saufende Mönch, der gierige Bischof, der lüsterne Priester und die notgeile Witwe. Das Zeitalter der Reformation kannte viele solche Figuren und liebte es, ihre Heuchelei mit scharfen Worten oder anstössigen Bildern (oder beidem, wenn man an Erasmus' „Lob der Torheit“ denkt) blosszustellen.

In diesem Kontext ist die geschnitzte lüsternen Witwe aus der Peterskirche nicht mehr ein seltsames Paradoxon, sondern enthüllt sich als scharfe Kritik an falscher Bescheidenheit. Die Witwe scheint eine Persiflage von Frauen zu sein, deren öffentlich vollzogene Trauer ihre wahren sündigen Wünsche schlecht verbirgt.

Vielleicht richtete sich der Spott des Künstlers gegen einige der realen Frauen im Basel des 15. Jahrhunderts und war eine persönliche Vendetta. Vielleicht war die lüsterne Witwe einfach eine gängige Allegorie für die Heuchelei, die oft aus moralischen Vorschriften und sozialen Normen entsteht.

Doch wenn ich sie heute ansehe, ist mir nicht zum Lachen zumute. Ich neige viel mehr dazu, sie zu bemitleiden. An der Barbe gibt es einen Aspekt, wenn auch nicht unbedingt ihr ursprünglicher Zweck, der mich immer noch beunruhigt: Das Bedecken der Münder von Frauen bringt sie ganz buchstäblich zum Schweigen. Die Barbe ist Verkleidung, Schmuck, Maske und Maulkorb zugleich. Sie sieht geknebelt aus und an die hölzernen Chorgestühle gefesselt, gezwungen, die Urteile der vorbeigehenden Menschen zu hören. Unfähig, sich zu äussern. Unfähig, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

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Unterwürfige Göttinnen