Geht draussen spielen!
Der Trend des Human Rewilding möchte die menschliche Natur von den Fesseln einer neoliberalen Gesellschaft befreien. Aber wird die anti-kapitalistische Bewegung gerade selbst kommerzialisiert?
Sie haben die wilden Kinder gefangen und in Zoos gesteckt.
Sie zwangen sie, Mathe zu lernen und vernünftige Schuhe zu tragen.
Sie brachten sie zu unpassenden Zeiten ins Bett und ließen sie stillsitzen, wenn sie spielen wollten.
Sie schrubbten sie mit Seife und zwangen sie, Erbsen zu essen.
Sie brachten ihnen bei, sich zu benehmen und „Entschuldigung“ und „Bitte“ zu sagen.
Sie nahmen ihnen all ihre Weisheit und Wildheit. Deshalb gibt es heute keine mehr in den Wäldern.
Dieses Gedicht der Kinderbuchautorin Jeanne Willis, im Original auf Englisch, tanzt zurzeit von einer verspielten Melodie begleitet als TikTok-Trend durch Social Media. Besonders beliebt ist es bei den #crunchymoms, die den Sound gerne über die Videos ihrer Kleinkinder legen, die (durchaus ironischerweise) dabei gefilmt werden, wie sie im Wald spielen, statt in ihr iPad zu starren oder Paw Patrol zu schauen. „Crunchy Mütter“, und seltener Väter, sind in letzter Zeit eine beliebte Zielscheibe für Online-Häme geworden, und das nicht ohne Grund. Ihre Besessenheit mit alternativen Ernährungs-, Lebens-, und Erziehungsstilen, ja auch mit alternativer Medizin aller Art ist bestenfalls exzentrisch und schlimmstenfalls gefährlich. Aber das hält sie nicht davon ab, einen neuen Wellness-Trend einzuläuten, der auch ausserhalb ihrer Sphäre auf Anklang stösst.
Der Trend, um den es geht: Human Rewilding. Während der Begriff des „Rewilding“ ursprünglich im Zusammenhang mit Naturschutzprojekten steht, die es sich zum Ziel gestzt haben, negative menschlichen Einflüsse auf das Klima rückgängig zu machen und Biodiversität wiederherzustellen, möchte „Human Rewilding“ den wilden menschlichen Geist von den Fesseln der modernen Gesellschaft befreien. Der Star des Human Rewilding, Tony Riddle, auch bekannt als „The Natural Lifestylist“, formuliert es so: „Wir sind heute weit vom natürlichen Menschsein entfernt. Es ist, als würde man ein Zootier mit einem wilden Tier vergleichen. [...] Wir sind Tiere, die sich selbst in den Zoo gesteckt haben.” Mit anderen Worten: Wir sind eine überzivilisierte Gesellschaft, die den ganzen Tag an Schreibtischen sitzt und abends in die Bequemlichkeiten des modernen Lebens zurückkehrt. Ein Lebensstil, der, so glauben Riddle und seine Anhänger, uns langfristig schadet und für die Mehrheit unserer körperlichen und psychischen Gesundheitsprobleme verantwortlich ist.
Die Bewegung ist nicht neu, sie hat bloss in den letzten Jahren an Beliebtheit gewonnen. Ihr gehören ein eklektischer Strauss an Philosophien, Anarchisten, Weltuntergangs-Prepper, Hippie-Typen und Wissenschaftlern an, die das Projekt in ihren jeweiligen sozialen Umfeldern propagieren. Die Pandemie hat sicherlich eine grosse Rolle bei ihrem Aufschwung gespielt. Während die Menschen drinnen festsassen und sich nach frischer Luft sehnten oder aus Mangel an besserer Unterhaltung ihre Höfe und örtlichen Parks erkundeten, erfreute sich die Natur einer wiederentdeckten Popularität. Unsere Generation begann plötzlich den Ratschlag unserer Eltern und Grosseltern zu beherzigen: „Legt die Handys weg und geht draussen spielen!“
Primitives Leben
Aber „Human Rewilding“ bedeutet nicht nur, mehr Zeit im Freien zu verbringen. Es geht darum, die Gewohnheiten unserer paläolithischen Vorfahren wieder zu erlernen, nach natürlichen Regeln und Zyklen zu leben und einen Lebensstil zu übernehmen, der nicht mehr von moderner Technologie abhängig ist. Einige der zentralen Prinzipien des Rewildings sind schon vor einiger Zeit im Mainstream angekommen, denkt man an den Paleo-Hype von vor ein paar Jahren, oder das aktuell hippe Intervallfasten.
Andere Praktiken, die die Bewegung fördern, sind ein bisschen extremer. Kalte Duschen sind bekanntlich nur etwas für die Harten unter uns, aber Hardcore-Rewilders schwören auf buchstäbliche Eisbäder. Andere sind grosse Anhänger sogenannter „Survivacations“, bei denen sie lernen, Feuer zu machen, mit Pfeil und Bogen zu jagen, zu fischen und Tierhäute zu gerben. Für wen das etwas zu viel ist, der kann sich mit dem Sammeln von Wildpflanzen – einem der beliebtesten Pandemie-Trends – begnügen.
Die Wildnis ist beängstigend, ja, aber wie Tony Riddle erklärt, ist nichts einschüchterndes dabei, sich selbst zu „rewilden“. Er selbst ist als Advokat des Barfusslaufen bekannt geworden, aber jede Form von intuitiver, natürlicher Bewegung sei ein Schritt in Richtung Verbindung mit dem eigenen ursprünglichen Wesen. Selbst wenn das bedeutet, in einer hockenden Haltung die Wohnung zu saugen oder auf dem Boden zu sitzen, anstatt am Schreibtisch.
Alternative Wellness
So seltsam es auch klingt, für die meisten seiner Fans scheint Human Rewilding eine Art Wellness zu sein. Natürlich klingt es wenig entspannend, durch den Schlamm zu waten, wenn man sich auch eine Schlammmaske im Spa gönnen könnte. Aber das Ziel der Selbst-Verwilderung – eine etwas freie Übersetzung des Trends – ist keine idealistische Utopie, sondern eine Gesundheitsmassnahme, wenn es nach ihren Verfechtern geht. Das Leben im Einklang mit dem eigenen zirkadianen Rhythmus soll Schlaflosigkeit lindern. Saisonales Essen soll beim Abnehmen helfen. Das Bewusstsein für die natürliche Umgebung, ähnlich wie Meditation, soll Stress reduzieren. Human Rewilding besteht sogar den Litmus-Test für Wellness-Trends: Gwyneth Paltrow macht es. Der Goop-Guru ist ein großer Fan von „Earthing“, oder Erdung, also der Praxis, die Haut mindestens 30 Minuten täglich mit der Erde in Kontakt zu bringen.
Die „Goopifizierung“ jeder spirituellen oder medizinischen Praxis ist normalerweise ein Zeichen für deren vollständige kommerzielle Korruption. Human Rewilding ist da keine Ausnahme. Während die Vorreiter der Bewegung scharfe Kritiker eines kapitalistischen Systems sind, wird ihre Idee jetzt schon fröhlich ausgeschlachtet. Auf Rewilding-Websites findet man oft die Vorstellung, dass sie gegen die konsumorientierte Haltung der modernen Gesellschaft kämpfen, die einem ein Produkt verkaufen will, um einen zu heilen. Rewilding, so sagen sie, sei nicht produktbasiert: „Die Antwort auf deine Probleme ist in deiner eigenen angeborenen Weisheit angelegt.“ Aber wer den Hashtag #humanrewilding durchstöbert oder den Begriff schon nur googelt, wird bald feststellen, dass es mittlerweile ziemlich teuer ist, diese angeborene Weisheit wiederzuentdecken.
Domestiziertes Rewilding
Retreats, Workshops und Survival-Camps sind die offensichtlichsten Produktangebote. Aber es gibt auch zirkadiane Beleuchtungssysteme, karbonisierte Schlafmatten, Barfussschuhe, primitive Fitnesskurse und lichtaktive Hautpflege. Und Bücher, natürlich. Viele, viele Bücher. So sehr die Idee des Human Rewilding aus dem Wunsch entsprungen sein mag, sich von der modernen technokratischen und konsumorientierten Kultur zu lösen, ist die Idee einfach zu unwiderstehlich, um keinen Profit daraus zu schlagen.
Diese Kommerzialisierung einer so grundlegend antikapitalistischen, ja sogar anarchistischen Bewegung hat einen tragischen Beigeschmack. Indem man diese Suche nach innerer Freiheit und einem einfacheren Leben zu einem Lifestyle-Produkt der Wellness-Industrie gemacht hat, hat Human Rewilding in gewisser Weise seinen Wesenskern verloren. Genau wie es den wilden Kindern im Gedicht von Jeanne Willis ergangen ist, „nahm man ihm all seine Weisheit und Wildheit“. Man hat es zu einem TikTok-Trend gemacht.
Aber vielleicht ist das gar nicht so düster, wie es klingt. Es gibt immer noch eine Menge Menschen, für die Human Rewilding ein dringend benötigtes Ventil ist; Menschen, die auf die Vorteile von kalten Duschen, Barfussspaziergängen und Erdungen schwören. Was macht es schon aus, wenn andere finanziell vom Hype profitieren, solange einige noch spirituell, medizinisch und sozial davon profitieren? Vielleicht macht die Kommerzialisierung der Bewegung sie für ein breiteres Publikum zugänglicher. Schließlich geht es doch darum, eine einfache Botschaft in die Welt zu tragen: Geht draussen spielen!