Im Schatten meines Mannes

Tahmima Anam’s Roman The Startup Wife schafft, was wenigen Geschichten über Tech-Startups in den letzten Jahren gelungen ist.

Stell dir vor, du hättest im Alleingang die K.I.-Welt revolutioniert. Du hättest den Algorithmus für den nächsten grossen Hit im Kanon der sozialen Medien geschrieben. Du hättest ein Multimillionen-schweres Unternehmen gegründet. Du hättest die Art und Weise, wie Menschen leben und miteinander interagieren, grundlegend verändert. Und trotzdem kennt dich jeder nur als die Frau deines Mannes. Das ist die Prämisse von Tamima Anams neuestem Roman The Startup Wife. Es ist die Geschichte einer Frau, die hinter einem erfolgreichen Software-Startup steht, und deren Ehemann sich die Lorbeeren holt. Ist sie dazu verdammt, in den Augen der Millionen Nutzer ihres Produkts nur die Ehefrau eines Startup-Gründers zu sein? Anams Buch enthüllt die Hürden, denen Frauen in der Tech-Branche begegnen, verpackt in eine charmante Geschichte über eine Frau, die sich endlich das nimmt, was ihr zusteht. Indem sie das Klischee der „Startup Wife“ elegant persifliert, dreht Anam den Spieß um und lässt uns den Mann im Rampenlicht im Hintergrund verschwinden.

SheCrashed

The Startup Wife ist so faszinierend, weil es sich auf radikal neue Weise dem Thema Tech-Startups nähert. Besonders im Kontrast zu den popkulturellen Darstellungen der Branche in der Vergangenheit. Man denke beispielsweise an David Finchers The Social Network, das die Misogynie seines Protagonisten Mark Zuckerberg ausreizte, indem es die Frau des Facebook-Gründers, Priscilla Chan, als eindimensionale Statistin behandelte und die wahre Chronologie ihrer Beziehung der Dramaturgie des Filmes opferte. Sicher, es ist ein Jahrzehnt seit diesem filmischen Fauxpas vergangen, aber das Klischee der unsichtbaren „Startup Wife“ ist alles andere als ausgestorben.

Ein jüngeres und vielleicht noch aufschlussreicheres Beispiel ist die Apple+ Miniserie WeCrashed, die die unglaubliche Geschichte des Co-Working-Unternehmens WeWork erzählt. Gegründet im Jahr 2010, erreichte das Unternehmen 2019 weltweite Berühmtheit, als es nach einer Bewertung von 47 Milliarden Dollar spektakulär implodierte. Das WeWork-Drama ist pikant und bedient unsere aktuelle Obsession mit True-Crime-Geschichten über Betrug und Täuschung (man denke an Inventing Anna oder Bad Vegan). Während das Verständnis für die Reihe finanzieller Entscheidungen und unternehmerischen Fehltritte, die zum Fall von WeWork führten, besser den Experten überlassen wird, verleihen die beiden Hauptcharaktere der Serie ihr Sucht-Potential: Adam und Rebekah Neumann. Die Serie beleuchtet ihre exzentrischen Persönlichkeiten und ihre noch verrücktere Ehe, um die Geschichte ihres beruflichen Untergangs zu erzählen. Jared Leto spielt den in Israel geborenen Adam Neumann, WeWorks CEO mit Größenwahn, und Anne Hathaway übernimmt die Rolle von Rebekah Paltrow-Neumann, Gwyneths weniger bekannter Cousine und einer besonders eigentümlichen „Startup Wife“.

Hathaways Performance ist fantastisch. Fantastisch unsympathisch. Rebekah Neumann soll sicher keine liebenswerte Figur sein, aber WeCrashed gelingt es, sie zum Bösewicht einer ohnehin schon absurden Geschichte zu machen. Nicht als geniale Schurkin, sondern als unbegabte, weltfremde Hippie-Figur, die ihren neureichen Ehemann und sein Geschäft mit ihrer fehlenden finanziellen Weitsicht und ihren luxuriösen Vorlieben ausnimmt. Sie ist nur dem Namen nach Mitgründerin, und tief im Inneren weiss sie das auch. Sie trägt wenig mehr bei als pseudo-spirituelles Geschwafel und beginnt, sowohl ihren charismatischen und visionären Ehemann als auch alle Frauen, die bei WeWork Karriere machen, zu verachten. Ja, sowohl Adam als auch Rebekah Neumann erscheinen in WeCrashed als berüchtigte Narzissten. Doch etwas an Hathaways Rebekah ist besonders unattraktiv: Sie scheint wenig zum Aufstieg und viel zum Fall von WeWork beigetragen zu haben. Die TV-Darstellung von Rebekah Neumann zementiert sie als das Paradebeispiel einer „Startup Wife“.

Der Zauberer und das Einhorn

Nach dem Schauen von WeCrashed fühlt sich die Lektüre von Tamima Anams The Startup Wife sowohl vertraut als auch erfrischend an. Der Roman erzählt die Geschichte hinter dem Erfolg eines Tech-Startups, das – ähnlich wie WeWork – vor allem mit menschlichen Träumen und Sehnsüchten handelt. WAI (ausgesprochen „Why“) ist eine Social-Media-App, die den Nutzern über einen Algorithmus personalisierte Rituale und Gemeinschaften bietet. Als Theologin in einer post-religiösen Welt muss ich sagen: Es ist in der Tat eine Milliarden-Dollar-Idee.

WeWork ist in vielerlei Hinsicht das reale Pendant zum fiktionalen WAI. Beide Unternehmen wollen ihren Nutzern in zunehmend isolierten und entfremdeten Lebenswelten Sinn vermitteln und damit eine Menge Geld verdienen. Unter dem Vorwand, eine Alternative zu den seelenlosen Arbeitsumgebungen des modernen Neoliberalismus zu bieten, wollte WeWork den Markt für gemeinschaftliche Büroräume revolutionieren und die Grenzen zwischen Privat- und Arbeitsleben verwischen. WAI hingegen nimmt sich den Social-Media-Markt vor und bietet echte Gemeinschaft, während andere Apps ihre Nutzer für Daten ausbeuten oder gefährliche politische Echokammern schaffen. Beide Unternehmen, real und fiktiv, haben sich eine messianische Mission auferlegt. Und, wenig überraschend, verstehen sich ihre jeweiligen CEOs selbst als die heilbringenden Messiasfiguren. Adam Neumann, wie er in WeCrashed dargestellt wird, ist ein narzisstischer Showman und pathologischer Angeber. Mit absurden Behauptungen und beeindruckender Selbsttäuschung verzauberte er Investoren, Partner und Kunden gleichermaßen und machte WeWork zu dem Börsenphänomen, das es war. Und während WeCrashed sicherlich eine tief gestörte, betrügerische und sogar grausame Figur in seiner Darstellung von Neumann enthüllt, bleibt er der Star der Show.

The Startup Wife geht einen ähnlichen Weg. Cyrus Jones, Mitbegründer und CEO von WAI, ist eine mysteriöse und reizvolle Persönlichkeit. Es ist sein einzigartiger Genie, das den WAI-Algorithmus inspiriert hat, und er ist die faszinierende Gallionsfigur, die immer mehr Nutzer zur Plattform zieht. Während die Menschen zu WAI strömen, beginnt Cyrus Jones' Ruhm den seines Unternehmens zu übertreffen. Tahmima Anam musste bei der Entwicklung dieses Charakters wohl nicht lange nach Inspiration suchen. Tech-Unternehmen haben eine Vorliebe für solche charismatischen Visionäre. Obwohl wir Technik, Ingenieurwesen oder IT oft mit trockenen Zahlen in Verbindung bringen, setzen erfolgreiche Startups noch mehr auf religiösen Enthusiasmus als so manche Kirchen. Ohne Investoren und Nutzer, die bereitwillig an ihre Vision glauben und sich ihr hingeben, hätte keiner der heutigen Tech-Giganten seinen heutigen Erfolg erreicht. In der Branche werden unwahrscheinliche und erstaunliche Erfolgsgeschichten Einhörner genannt, und der Name ist passend. Man weiß, dass sie nicht existieren…aber ist es nicht verlockend, an sie zu glauben?

Girlboss oder die Frau des Chefs?

Es scheint, als bräuchten unglaubliche Visionen charismatische Visionäre, um sich als glaubwürdige Investitionen zu präsentieren. Aber sie brauchen auch Menschen, die hart arbeiten, um das Imaginäre greifbar zu machen, um das zu erfüllen, was ihre CEOs versprechen. Dies ist ein Punkt, den The Startup Wife immer wieder deutlich macht, während er in der dramatischen Handlung von WeCrashed verloren geht. Denn diejenige, die die Arbeit macht, das verborgene Genie hinter dem glänzenden neuen Ding, ist in Anams Roman die Startup-Wife selbst: Asha Ray.

Im Gegensatz zu WeCrasheds Rebekah Neumann, die wenig Ahnung davon zu haben scheint, wie man ein Unternehmen führt, und glaubt, dass „die Erhebung des globalen Bewusstseins“ ein brauchbares Mission-Statement sei, ist Asha Ray das wahre Talent. Sie hat das Unternehmen zusammen mit ihrem Ehemann Cyrus und ihrem gemeinsamen Freund Jules mitgegründet. Sie ist das Gehirn hinter WAI. Eine talentierte Programmiererin, die nicht nur die Idee für WAI hatte, sondern auch den gesamten Algorithmus selbst geschrieben hat. Doch im Laufe des Buches verliert sie sich im Schatten ihres Mannes und wird in den Augen der WAI-Fangemeinde zu einer bloßen Backend-Arbeiterin oder, schlimmer noch, zu einer hübschen Muse.

Der Buchtitel beschreibt nicht Asha, sondern wie die Welt sie wahrnimmt. Startup-Wifes tragen den Titel der Ehefrau als Berufsbezeichnung. Wenige kennen ihre tatsächliche Rolle oder ihr Talent. In der Welt von WeCrashed scheint das kein Problem zu sein, denn die betreffende Startup-Wife tut wenig mehr, als in ihrem Büro zu faulenzen und belanglose Nebenprojekte zu verfolgen. Obwohl wir Rebekah Neumann ein paar Mal dabei beobachten, wie sie damit zu kämpfen hat, wird von uns nicht erwartet, mit ihr mitzufühlen, sondern sie als das Klischee wahrzunehmen, das sie abstreitet zu sein.

Der umgedrehte Spiess

In der Welt von The Startup Wife hingegen wird der Sexismus, der diesen Wahrnehmungen zugrunde liegt, schmerzhaft deutlich. Asha Ray ist das genaue Gegenteil einer bloßen Startup-Wife. Sie ist klug, ehrgeizig und fähig. Nicht sie, sondern ihr Mann Cyrus ist die passive Muse. WAI ist ihr Unternehmen genauso wie das ihres Mannes, wenn nicht sogar mehr. Doch sie und ihre Partner erkennen früh, dass niemand in ihre Idee investieren wird, wenn sie mit einer jungen POC an der Spitze präsentiert wird. Ihren weissen Ehemann zum CEO zu machen, ist eine rein strategische Entscheidung, bis ihr frisch ernannter CEO all das vergisst und selbst an seine Aussendarstellung zu glauben beginnt.

The Startup Wife ist ebenso unterhaltsam wie schonungslos. Man möchte am liebsten die Journalisten anschreien, die einen lobhudelnden Magazinartikel über Cyrus Jones schreiben, ohne seine Frau auch nur zu erwähnen, oder den Investor, der Asha aus dem Vorstand des Unternehmens drängt, das sie gegründet hat. Aber man wird nicht aufhören wollen, weiterzublättern. The Startup Wife ist der Roman, den wir gelesen haben müssen, bevor wir das nächste Mal hoffnungsvoll auf die Aktien-Kurse blicken. Es ist der Roman, an den wir uns erinnern werden, wenn uns das nächste Mal eine vielversprechende Geschichte wie die von WeWork begegnet. Ein Roman, der uns beim nächsten Hören einer „unglaublich guten Idee, die alles verändern wird“, genauer hinschauen lässt.

Das Buch hinterfragt geschickt die Narrative, die von der Tech-Branche, ihren Fans und selbst den Medien, die sie kritisieren sollen, gesponnen werden, ohne belehrend zu wirken. Selbstkritisch zeigt er, wie selbst die talentiertesten und selbstbewusstesten Frauen darin verloren gehen. Und er bietet eine äusserst befriedigende Antwort auf die Frage, was sie dagegen tun können.

The Startup Wife ist eine Geschichte, die es verdient hat, gelesen und geschrieben zu werden. Es ist die Geschichte für eine neue Generation von Ingenieurinnen, Programmiererinnen und Forscherinnen, die nicht nur ihre eigenen Träume, sondern auch die einer Tech-abhängigen Gesellschaft in die Realität umsetzen werden.

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