Spiritualität, hardcore
Radikal, anstössig und erschütternd. Die Geschichte des christlichen Glaubens ist voll von Biographien, die unser Verständnis von Spiritualität auf den Kopf stellen.
Hast du schon einmal jemanden gesehen, den du als besonders spirituell wahrgenommen hast, ohne ihn oder sie zu kennen. Einfach so, auf den ersten Blick. Vielleicht lag es daran, dass solche Leute eine gelassene Ausstrahlung hatten, eine Aura des Einklangs mit sich und der Welt. Vielleicht trugen sie ein mildes Lächeln auf dem Gesicht, so als könne sie nichts und niemand aus der Ruhe bringen.
Mein Respekt an alle, die ihre Spiritualität glaubhaft als Seelenruhe verkaufen können. Sie haben das, was ich aus meiner Forschung als Spiritualität kenne, erfolgreich auf den Kopf gestellt – ein gelungenes „Re-Branding“, wenn man so will. Sie sind die menschlichen Zen-Gärten, das personifizierte Gleichgewicht. Aber so hat gelebte Spiritualität in der Geschichte selten ausgesehen. Das Gegenteil ist der Fall. In der Geschichte des Christentums bestand die spirituelle Elite aus unkonventionellen, radikalen und exzentrischen Persönlichkeiten. Du hättest ihnen ihre Spiritualität zwar angesehen, aber es wäre bestimmt nicht ihrer selbstbeherrschten und friedlichen Art zu verdanken gewesen. Nein, diese Leute waren alles andere als seelenruhig.
Was also bedeutet es, sich der Spiritualität zu verschreiben? Für manche ist es ein Weg, in einer lauten und hastigen Welt Ruhe zu finden. Es kann eine Quelle der Gelassenheit sein. Spiritualität, verstanden als Rückzug vor den weniger angenehmen Realitäten des Lebens, fungiert als eine Art Reinigung. Sie weist das ab, was zu grob, zu skandalös, zu widerlich ist. Aber wenn Spiritualität ein Zufluchtsort vor den ungeschönten Erfahrungen des Lebens bleibt, läuft sie Gefahr, selbst leblos zu werden.
Beispiele für spirituelle Lebensweisen aus der christlichen Geschichte sind für ein Publikum des 21. Jahrhunderts oft erschütternd. Diese Art der Spiritualität steht für das genau Gegenteil dessen, was wir heute mit dem Begriff bezeichnen würden. Sie ist entfesselt, wild und ungehemmt. Sie ist sinnlich und erotisch. Sie meistert den Balanceakt zwischen religiöser Hingebung und übelster Häresie. Sie ist nicht eine vergeistigte Angelegenheit, sondern ringt stets aufs Neue mit den Fesseln ihres Körpers, monströs und wundersam zugleich. Sie erschreckt uns. Und sie erschreckte die Menschen, die sie erlebten.
Höher und weiter
Nehmen wir Simeon Stylites, einen Asketen des 5. Jahrhunderts aus dem heutigen Syrien. Wie viele Männer und Frauen seiner Zeit zog er sich in die Wüste zurück, um ein monastisches, ganz Gott gewidmetes Leben zu führen. Aber selbst für seine Mitbrüder wurde Simeons spirituelle Praxis bald zur Herausforderung. Er kniete den ganzen Tag und stand die ganze Nacht aufrecht. Während der Fastenzeit ass er nichts, ausser dem Leib Christi – eine Diät der besonderen Art! Er grub sich ein Loch, in dem er bis zur Brust im Boden stand, und verbrachte zwei Jahre dort, um den extremen Jahreszeiten zu trotzen. Er vollzog spirituelle Akte, die keiner seiner Brüder auch nur zu versuchen gewagt hätte.
Schliesslich konnten seine Mitbrüder es nicht mehr ertragen. Der Extremist in ihrer Mitte musste gehen.
Also zog Simeon alleine weiter. Er fand sein spirituelles Zuhause in der Einsamkeit. Genauer gesagt, auf einer Säule. Richtig gelesen: Nachdem er in der Wüste auf eine alte Säule gestossen war, baute er eine kleine Plattform darauf und lebte fortan 15 Meter über dem Boden.
Auf orthodoxen Ikonen sieht Simeon ruhig und gleichgültig aus, als könnte ihn der Trubel der Welt dort oben nicht mehr erreichen. Doch seine frühen Biografen erzählen eine andere Geschichte. Wir lesen von dämonischen Versuchungen und erschütternden Visionen. Wir lesen von seinem Körper, der furchtbar stinkt, von offenen Wunden übersät und von Würmern befallen ist. Wir lesen von seinen gebundenen Füssen, die schmerzten, als stünden sie in Flammen. Wir lesen davon, dass er sich tausend Mal am Tag im Gebet zu Boden warf, bis er kaum mehr stehen oder gehen konnte. Es sind Geschichten unsäglicher Schmerzen.
Aber gerade in solch qualvollen Erfahrungen, empfand Simeon die Liebe seines Erlösers am süssesten. Durch die Risse an seinem gebrochenen Körper leuchtete die Liebe Gottes, dem er sich in ewigem Gehorsam verschrieben hatte.
Als Pilger zu Simeons Säule strömten, glaubten sie, dass er sie mit seiner blossen Anwesenheit von ihren Leiden heilen könnte. Ausgerechnet Simeon, ein Mann, der von seiner Spiritualität nie Heilung erwartete, sondern schmerzhafte Ekstase.
Gott, der Peiniger
Im 13. Jahrhundert empfing eine 22-jährige Belgierin unangenehmen Besuch. Der Teufel, so glaubte sie, war hinter ihr her. Er kam immer wieder, um sie zu erschrecken, verkleidet als monströse Gestalt. Er quälte sie mit einem anhaltenden Gestank und Visionen eines rottenden Leichnams. Aber der Teufel war nicht der Einzige, der hinter ihr her war. Auch Gott war es. Und bald erfuhr sie, dass dieser ganz genauso furchteinflössend sein konnte, wie sein diabolischer Gegenspieler.
Diese heimgesuchte junge Frau war Ida van Leuven. Nach einer besonders intensiven Meditation über den Leidensweg Christi während der Karwoche wurde sie von unerträglichen Schmerz geplagt. Sie hatte die Stigmata empfangen, und trug die Wunden Jesu jetzt am eigenen Körper. Doch ihr Schmerz war nicht nur körperlich.
Idas Frömmigkeit, die sich so sichtbare und wundersame auf ihrer Haut eingebrannt hatten, waren in den Augen ihrer Familie keine besondere Ehre, sondern etwas das die Eigenbrödlerin noch seltsamer, noch abstossender erschienen liess.
Anstatt Gott für die Stigmata zu danken, wie es manch anderer Heilige getan hat, wünschte sich Ida nichts sehnlichster, als sie loszuwerden. Sie versuchte, sie mit Salben und Umschlägen zu heilen, doch die übernatürlichen Wunden wollten einfach nicht verschwinden.
Schliesslich wandte sie sich an Gott und flehte ihn an, seinen Segen zurückzunehmen. Das tat er, aber nicht ohne das Leiden erst tief in Idas Herz zu brennen, sodass ihre Seele tief verwundet zurückblieb. Nicht alle spirituellen Erfahrungen in Idas Leben waren so düster. Aber viele waren skandalös. Zumindest für die Menschen um sie herum. Immer wieder erregte sie mit ihren Handlungen die Wut oder den Argwohn der anderen.
Das ist Metal!
Spirituelle Erfahrungen und Begegnungen mit dem Göttlichen können wirklich „hardcore“ sein. Weit entfernt von der Feierlichkeit und Ruhe, die oft mit Spiritualität assoziiert werden, sind sie erfüllt von anstössigen Bildern, anrüchigem Verhalten und beunruhigender Intensität.
Während einem ihrer Gespräche mit Christus hatte Lutgardis von Aywières, eine Benediktinerin aus dem 12. Jahrhunderts, ihren Herrn nach seinem Herzen gefragt. Da griff er in ihre Brust, nahm ihr Herz heraus und legte sein eigenes zwischen ihre Brüste.
Margarete Ebner, eine Mystikerin des 14. Jahrhundert, war so von Kreuzen besessen, dass sie jedes küsste, das sie in die Finger bekam. Manche Holzkreuze versteckte sie sogar in ihrem Schoss, oder drückte sie sich so tief ins Fleisch, dass sie Abdrücke hinterliessen. In einer ihrer Visionen berichtet sie sogar, dass sie das Blut direkt aus dem Herzen Christi gekostet habe.
Heinrich Seuse, ein Dominikanermönch, ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert, erzählt von einer noch grausameren und außergewöhnlicheren Erfahrung. Er wollte die Liebe Gottes immer bei sich tragen, also beschloss er, sich Christus buchstäblich einzuritzen. Während er Christus bat, tief in sein Herz zu schmelzen, schnitt er mit einem Messer den Namen Jesus in seine Brust.
Geschichten wie diese gibt es viele. Und sie zeigen: Gewaltsamkeit, Irrsinn, und Ungeheuerlichkeit sind inhärente Aspekte von Spiritualität. Diejenigen, die ihre spirituellen Erfahrungen auf eine Weise ausdrücken, die so gar nicht zu unserem Bild eines in sich ruhenden Menschen passt, galten damals wie heute als…
…zu krass!
Too extreme. Too offensive. Too messy.
Zu extrem. Zu anstössig. Zu viel.
Die spirituellen Erfahrungen eines Simeon Stylites oder einer Ida van Leuven befremdeten und faszinierten die Menschen in ihrem Umfeld gleichermassen. Andere, wie Lutgardis und Heinrich Seuse, befremden und faszinieren uns als Leser des 21. Jahrhunderts, indem sie unsere Annahmen infrage stellen und unsere Sensibilitäten verletzen.
Man könnte argumentieren, dass all diese Beispiele nicht Repräsentanten authentischer Spiritualität sind, sondern das was passiert, wenn Spiritualität pervertiert und missbraucht wird. Aber das wäre unaufrichtig. Statt Spiritualität nach unseren Massstäben zu definieren, sollten wir sie als ein Phänomen betrachten, das Paradoxien aushalten kann: Spiritualität ist so zart wie ein Flüstern, nur für ein paar wenige überhaupt spürbar. Sie ist schön, und rein und harmonisch. Sie ist aber auch hässlich, durchtränkt mit Blut, Schweiss und Tränen. Sie ist schmerzhaft und erschreckend. Und all das darf sie sein.