Haarig und Heilig
Sie hat die letzten Jahrzehnte in der Wüste verbracht. Ein abgemagerter Schatten einer Frau, ein Wunder, dass sie noch nicht verhungert ist. Ihre Haut spannt sich wie Leder über ihre Knochen. Die Sandstürme haben sie aufgeraut. Seit sie in die Wüste kam, hat sie keinen einzigen Teil ihres Körpers gewaschen. Es sieht so aus, als sei sie mit ihrer Umgebung verschmolzen. Ist sie ein Tier? Ein Dämon? Lebt sie überhaupt?
Als der Mönch Zosimas Maria von Ägypten zum ersten Mal erblickte, war er sich nicht sicher. Sie hatte so viel Zeit in der Wildnis verbracht, dass sie alle menschlichen Züge verloren hatte. Als er hörte, dass diese wandelnde Mumie einst eine schöne Dirne, eine Verführerin der Männer, war, war er verständlicherweise verblüfft. Die Schönheit war zu einem Ungeheuer geworden, die Sünderin zu einer Heiligen.
Da Maria von Ägypten eine von vielen Marias in der frühen Kirche war – und interessanterweise eine von vielen bekehrten Prostituierten in der christlichen Geschichte – entstand schnell Verwirrung. Theologen und Künstler vermischten ihre Geschichte mit der der bekannteren Maria Magdalena, einer Frau, die zu Unrecht einer sexuell ausschweifenden Vergangenheit bezichtigt wurde. So verchmalzen Maria Magdalena und Maria von Ägypten zu einer legendarischen „Maria der Wildnis“.
(Un)natürliche Nacktheit
Aber wie sieht eine wilde Heilige aus? Wie stellt man die Hässlichkeit einer Frau dar und vermittelt dabei dennoch ihre innere Schönheit? Für viele Künstler war die Antwort einfach: Man tut es nicht.
Obwohl sie glaubten, dass die wilde Maria jahrzehntelang als isolierte Eremitin lebte, malten sie sie als zarte, junge Frau mit engelsgleichen Zügen. So wie bei Maria, der Mutter Gottes, oder den weiblichen Märtyrerinnen der frühen Kirche, glaubten Künstler, dass ihre Tugend am besten im Einklang mit den Schönheitsidealen ihrer Zeit dargestellt werden konnte.
Doch vom Hals abwärts stellte Maria der Wildnis sie trotzdem vor eine Herausforderung: Sie war nackt. Als Zosimas Maria von Ägypten in der Wüste fand, trug sie keine Kleidung, was sowohl den Mönch als auch Jahrhunderte religiöser Künstler schockierte.
Das Privileg, in mittelalterlichen Gemälden völlig nackt (oder zumindest halb nackt) zu erscheinen, war traditionell Adam und Eva vorbehalten. Ihre Nacktheit hatte eine theologische Bedeutung. Sie symbolisierte ein verlorenes Paradies, eine verwirkte Freiheit und eine Zeit vor der Scham.
Auch die wilde Maria konnte nicht so dreist sein wie die erste Frau. Obwohl sie keine Kleidung trug, musste sie bedeckt werden. Aber wie? Die Lösung der mittelalterlichen und Renaissance-Maler war gelinde gesagt unkonventionell. Sie versteckten sie unter einem dichten Haarwuchs.
In vielen Gemälden erscheint Maria der Wildnis mit einem Fell, das ihren ganzen Körper bedeckt, wodurch sie wie das halb-tierische, halb-menschliche Wesen aussieht, für das Zosimas sie hielt. Da soll einer einmal unrasierte Achselhaare für anstössig halten!
Maria von Ägypten und Zosimas in einem Französischen Manuskript aus dem 15. Jahrhundert.
Die Bärtige Dame am Kreuz
Maria der Wildnis ist bei weitem nicht die einzige behaarte Frau in der Kunstgeschichte, und auch nicht die einzige behaarte weibliche Heilige. Das bemerkenswerteste Beispiel ist die heilige Wilgefortis, auch bekannt als die bärtige Frau am Kreuz.
Darstellungen der heiligen Wilgefortis können für Uneingeweihte verstörend wirken. Was sehen wir hier? Jesus als Cross-Dresser (das Wortspiel ist unbeabsichtigt, versprochen)? Einen weiblichen Christus? Keine Sorge! Beides ist nicht der Fall.
Wie für viele weibliche Märtyrerinnen begannen Wilgefortis' Probleme, als sie einen Mann zurückwies. Die junge Adlige war einem König zur Heirat versprochen, widersetzte sich jedoch den Plänen ihres Vaters und legte ein Keuschheitsgelübde ab. Um dieses Gelübde zu wahren und sich vor unerwünschten Avancen zu schützen, betete sie, dass Gott sie entstellen möge. Wunderbarerweise wuchs der jungen Frau ein Bart.
Ihr Vater, wütend über diese „Verunstaltung“, beschloss, sie auf die schlimmste Weise zu bestrafen: Er liess seine Tochter kreuzigen. Die Legende, so erschreckend sie auch sein mag, entfachte schnell die Vorstellungskraft christlicher Gläubiger und religiöser Künstler und führte zu der seltsamen Ikonografie der bärtigen Frau am Kreuz.
Die gekreuzigte Heilige Librada (alias Wilgefortis).
Entstellt um Gottes Willen
Welche Bedeutung hat das weibliche Haar in diesen beiden Geschichten? In beiden Fällen wird es als transgressiv dargestellt. Als unnormal. Als eine Entstellung. Das Körperfell der wilden Maria ist ein Zeichen jahrzehntelanger körperlicher Vernachlässigung. Ihr behaarter Körper ist der, den Zosimas kaum als menschlich erkannte. Doch gleichzeitig ist es ein Zeichen der Heiligkeit. Der schöne, verführerische Körper einer Nymphomanin – das ist nach eigener Aussage Maria von Ägyptens Vergangenheit – ist verwandelt worden. Eine Transformation, die ihren Sinneswandel physisch widerspiegelt.
Haarigkeit und Heiligkeit offenbaren Maria als eine Frau, die von Gott berührt wurde. Darüber hinaus erfüllt ihr Haar einen sozialen Zweck. Es bedeckt ihre Nacktheit und schützt sowohl sie selbst als auch die, die sie sehen, sei es Zosimas, der Mönch, oder wir, die Betrachter der gemalten Maria.
Der Bart der heiligen Wilgefortis hat eine ähnliche Funktion. Er schützt sie vor unerwünschten Blicken. Er entstellt sie auf eine Weise, die sie für Anwärter unattraktiv macht und es ihr ermöglicht, die von ihr geschätzte Keuschheit zu bewahren. Ihr Bart, ebenso wie Marias Fell, ist ein Zeichen göttlicher Gnade und Intervention.
Gottes Rüstung
Beide Frauen sind Beispiele für eine Erzählung, die äussere „Hässlichkeit“ mit innerer Schönheit verbindet. Was die Welt verachtet, wird von Gott geliebt. Während in diesem Gedanken Trost und sogar Weisheit liegen können, sind die damit verbundenen Schönheitsvorstellungen nicht ohne Folgen.
Im Fall von Wilgefortis war ihre Verweigerung des Schönheitsideals zugleich ihr Todesurteil. Ihre Versagen, sich den gesellschaftlichen Erwartungen zu fügen, hatte einen schrecklichen Preis. Maria von Ägypten konnte sich vollständig aus der Gesellschaft zurückziehen, musste dafür aber die Härte der Wüste allein ertragen. Sie konnte ihrer Vergangenheit entkommen, jedoch nur auf Kosten ihrer körperlichen Integrität.
Beide Frauen brachten Opfer. Sie opferten ihre Schönheit, ihre Annehmlichkeiten und ihre Sicherheit. Sie setzten sich Spott, Ablehnung und Gewalt aus. Ihr Haar ist ein Zeichen ihres Opfers und ihrer Bereitschaft, den Zorn der Menschen oder die Macht der Natur zu ertragen. Gleichzeitig ist es ihre Rüstung – der Schutz, den Gott ihnen gewährt hat. Die Haarigkeit dieser Frauen ist nicht unnatürlich. Sie ist übernatürlich. Sie sind haarig und heilig.