Ausgeliefert

Das Leben der Heiligen Margareta Maria Alacoque spricht von einem besitzergreifenden Gott, und einer von Gott ganz und gar besessenen jungen Frau. Die Geschichte einer toxischen Beziehung.

Im Frankreich des 17. Jahrhunderts macht ein junges Mädchen ein Gelübde, das ihr Leben verändern wird.

Sie weiss nicht, was ein Gelübde ist. Auch kennt sie nicht die Bedeutung dessen, was sie gerade versprochen hat. „Ohne ihre Bedeutung zu kennen“, berichtet sie, „fühlte ich mich ständig gedrängt, die folgenden Worte auszusprechen: O mein Gott, ich weihe Dir meine Reinheit und mache Dir das Versprechen ewiger Keuschheit.“

Das Mädchen ist Margareta Maria Alacoque, und zu diesem Zeitpunkt konnte sie unmöglich wissen, was eines Tages aus ihr werden würde: Eine echte Heilige! Sie verschrieb sich schon als junges Mädchen dem religiösen Leben, ohne die Konsequenzen, die Schwere und die Anforderungen ihrer Entscheidung zu begreifen. Ihr Leben betrachtete sie als göttliches Eigentum. In ihrer Autobiographie schreibt von einem toxischen, eifersüchtigen und überwältigenden Gott, der sie immer und immer wieder in die Knie zwingt. Ein Gott, der sie ihrer Identität vollständig beraubt.

Margareta Maria behauptete, ihr Leben gehöre nicht mehr ihr selbst. Sie fühlte sich von Gott besessen. Da sie bis zu ihrem Tod damit kämpfte, ihre völlige religiöse Hingabe mit den sozialen Anforderungen ihrer klösterlichen Gemeinschaft zu versöhnen, wirft ihr Leben Fragen darüber auf, was Zugehörigkeit bedeutet.

Gemeinsam Gott gehören

Die Lebensgeschichten von Nonnen und Mönchen waren schon immer Geschichten der Zugehörigkeit. Die frühen Wüstenväter und -mütter verliessen ihre Städte und zogen sich in die Einsamkeit zurück, ein Schritt, der so unorthodox wie gefährlich war. Ihre Entscheidung bedeutete eine Zerrüttung ihres Selbstverständnisses und signalisierte anderen: Wir gehören nicht mehr der Welt an, nicht den Banalitäten des städtischen Lebens, nicht unserer sündigen Vergangenheit.

Als immer mehr Menschen das asketische Leben suchten, entstanden die ersten Gemeinschaften. Nicht nur dem Trubel der Stadt, sondern auch der Zwischenmenschlichkeit an sich zu entsagen, war ein drastischer Einschnitt in die Lebensführung, den nur Wenige vollziehen konnten und wollten. Während diese wenigen für lange Zeit als spirituelle Leuchttürme des Christentums galten, fanden die meisten, die nach spiritueller Zugehörigkeit suchten, diese in der Gemeinschaft mit anderen.

Hier konnten die Erfahrenen ihre Weisheit mit den Novizen teilen.
Hier konnte der brennende Eifer neuer Mitglieder in sichere und förderliche Bahnen gelenkt werden.
Hier konnten die Gefahren von Nachsicht und Strenge im Einklang gehalten werden.
Hier fand das spirituelle Sehnen des Einzelnen fruchtbaren Boden und nachhaltige Grenzen.

Die Entwicklung der klösterlichen Gemeinschaften schuf neue Wege, Zugehörigkeit zu erleben. Ihre Mitglieder folgten dem Beispiel der Wüstenmönche und beanspruchten radikal, Gott zu gehören. Doch sie gehörten Gott miteinander. So gehörten sie auch zueinander.

Klösterliche Beziehungen wurden früh im Kontext von Familie und Verwandtschaft verstanden. Die Äbte und Äbtissinnen, daher ihre Titel, waren die Väter und Mütter ihrer Untergebenen, verantwortlich sowohl für das Wohlergehen der Gemeinschaft als auch für die Einhaltung der bestehenden Regeln. Der Eintritt ins Kloster erforderte die Akzeptanz dieser Strukturen der Zugehörigkeit. Unterordnung, Fürsorge und Führung waren und sind bis heute Facetten des klösterlichen Lebens.

Widersprüchliche Ansprüche

Doch in den individuellen Biografien von Nonnen und Mönchen durch die Jahrhunderte war und ist Zugehörigkeit ständigen und immer neuen Verhandlungen ausgesetzt. So ist die Sehnsucht nach Einsamkeit, nach intimer Verschmelzung mit Gott, oft schwer mit den Verpflichtungen des gemeinschaftlichen Lebens zu vereinen. Was bedeutet es also wirklich, zuzugehören?

Viele Mönche und Nonnen empfenden ihr spirituelles Zugehörigkeitsgefühl am besten in der Brautsprache des Hohenliedes ausgedrückt. Sie waren Bräute, manchmal jungfräulich und rein, manchmal unwürdig aber geliebt, die zu Gott gehörten, wie ein Ehepartner dem anderen gehört. Geistliche Ehe konnte von Frauen und Männern gleichermassen für sich beansprucht werden und fand in klösterlichen Schriften hochpoetische, ja sogar erotische Ausdrücke. Mönche und Nonnen betrachteten sich als Bräute Christi, die sich Ihm versprachen, Ihm die Treue hielten und in ihrer Liebe zu Ihm wuchsen.

Stell dir vor, du würdest eine intensive Liebesbeziehung zu Gott erleben. Die Intimität, die ihr teilen würdet, und die Freude, Liebe zu geben und zu empfangen. Eine besondere Art göttlicher Aufmerksamkeit. Würden die Beziehungen zu den Menschen um dich herum im Abglanz dieser einen kosmischen Beziehung nicht verblassen? Diese, oft auch isolierende spirituelle Erfahrung führt zu einer natürlichen Spannung, der viele Mönche und Nonnen im Laufe der Geschichte standhalten mussten: Ihr Verlangen nach Gott stand im Widerspruch zu den Anforderungen eines Lebens in Gemeinschaft.

Besitzer der Herzen

Während es vielen gelang, diesen inneren Konflikt zu lösen, hatten andere, wie Margareta Maria Alacoque, größere Schwierigkeiten. Sie erlebte ihre tiefe Beziehung zu Gott als etwas, das sie von ihren klösterlichen Schwestern absonderte. Die Intensität, mit der sie sich als Gott zugehörig betrachtete, erschwerte es ihr, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu den Salesianerinnen von Paray zu finden.

Margareta Marias Sprache ist die einer besitzergreifenden Liebe. Sie beschreibt den Verlust von Selbst und Willen in den Händen eines fesselnden Gottes. Gott ist für sie der „Besitzer ihres Herzens“ (Die Autobiografie der heiligen Margareta Maria, Kap. 2), „ihr Herr und Gebieter“ (ebd. Kap. 19). Dieser Gott beansprucht vollständigen Besitz über sie, und sie hat kaum eine andere Wahl, als sich Ihm zu unterwerfen. In der Beschreibung ihrer ersten Begegnung mit Christus nimmt die Dynamik von Dominanz und Unterwerfung eine körperliche Dimension an. „Er brachte mich dazu, mich demütig vor Ihm niederzuwerfen, um Ihn um Vergebung für alles zu bitten, womit ich Ihn beleidigt hatte“ (ebd. Kap. 12), schreibt sie und offenbart, dass es nicht ihre eigene Entscheidung war, sich niederzuknien, sondern dass sie nahezu überwältigt wurde. Gott ist der aktive Part, derjenige, der sie verfolgt, zum Gehorsam zwingt und ihres Willens beraubt:

„Ich fühlte mich wie gefesselt, mit solcher Kraft gezogen, dass ich schließlich gezwungen war, Ihm zu folgen, der mich rief. Er führte mich dann an einen abgelegenen Ort, wo Er mich scharf tadelte, denn Er war eifersüchtig auf mein elendes Herz, das solch unaussprechlicher Verfolgung ausgesetzt war. Ich warf mich mit dem Gesicht zu Boden, bat um Vergebung, und Er ließ mich dann eine lange und harte Bußübung vollziehen.“
Die Autobiografie der heiligen Margareta Maria, Kap. 25.

Margareta Marias Erfahrung der Zugehörigkeit ist die passive Reaktion auf unermüdliche göttliche Dominanz. Sie ist Gott nicht zugehörig, weil sie bei Ihm ankommen darf, sondern weil sie sein Eigentum ist. Er ist nicht ihr Zuhause, Er ist ihr Besitzer:

„Nachdem ich mich für das Ordensleben entschieden hatte, fürchtete der göttliche Bräutigam meiner Seele, dass ich Ihm wieder entgleiten könnte, und fragte mich, ob ich angesichts meiner Schwäche damit einverstanden wäre, dass Er Besitz ergreift und sich selbst zum Herrn meiner Freiheit macht. Ich willigte gerne ein, und von da an nahm Er meine Freiheit so fest in Besitz, dass ich sie nie wieder geniessen konnte.“
Die Autobiografie der heiligen Margareta Maria, Kap. 25.

Ein Leben im inneren Widerstreit

Margareta Maria interpretiert Zugehörigkeit als einen Zustand der Abhängigkeit und des völligen Gehorsams, einen Verlust der persönlichen Freiheit. Das war innerhalb der Klostermauern keineswegs revolutionär. Eigenwilliger Individualismus hatte in solchen Umgebungen in der Regel wenig Platz, und demütige Unterordnung war für den gemeinschaftlichen Frieden zentral. Doch für Margareta Maria trugen die Gemeinschaft, die klösterliche Hierarchie und die Worte ihrer Vorgesetzten nicht zu einem Gefühl der Zugehörigkeit bei. Sie waren vielmehr ein Hindernis: Sie wollte zu niemandem und nichts anderem gehören als zu Gott. Auch nicht zu ihren Schwestern. Das Kloster, dem sie einst ihr Leben geweiht hatte, wurde ihr zunehmend zur Last.

Als ihre strenge Hingabe es unmöglich machte, dass sie ass, „ging [sie] in den Speisesaal wie an einen Ort der Folter“ (ebd. Kap. 76). Die täglichen Gebete wurden zu Momenten der Verzweiflung, da die göttliche Aufmerksamkeit, die sie erhielt, sie daran hinderte, „laut zu beten“ (ebd. Kap. 81), wie sie es zu tun wünschte. Sie stand unter ständiger Beobachtung, und die Aufsichtspflicht ihrer Schwestern hielt sie davon abhielten, sich ernsthaft selbst zu verletzen, wie sie es Gott zuliebe tun wollte. Sie begann, ihre Beichtväter und Vorgesetzten zu verabscheuen (ebd. Kap. 62). Und als ihre Äbtissin ihr verbot, etwas zu tun, von dem sie glaubte, dass Christus es ihr direkt befohlen hatte, erkannte sie: Ihre Verpflichtung gegenüber ihrer Gemeinschaft und ihre Verpflichtung gegenüber Gott würden immer im Widerspruch stehen.

Die Geschichte von Margareta Maria Alacoque zeigt, wie mystische Intensität Distanz zwischen dem spirituellen Selbst und anderen schaffen kann. Ihre kompromisslose Treue zu Gott entfernte sie von ihrer physischen und sozialen Realität. Anstatt sich gegenseitig positiv zu beeinflussen, verunmöglichte ihre völlige Gotteshingabe menschliche Interaktionen zunehmend.

Die heilige Margareta Maria verstand Zugehörigkeit als eine Form der Vereinnahmung: Sie gehörte Gott, und Er konnte frei über sie verfügen. Sie übersah dabei die tiefere und nachhaltigere Bedeutung von Zugehörigkeit: In gegenseitiger Fürsorge und Verpflichtung zueinander zu gehören. Ihre Vorstellung von Gott beraubte sie eines spirituellen Zuhauses, zu dem sie wirklich hätte gehören können.

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