Mitschuldig

Das dunkle Vermächtnis des Missbrauchs in der Katholischen Kirche aus der Perspektive einer Konvertitin.

Vor etwa einer Woche veröffentlichte eine Schweizer Studie das, was lange ein offenes Geheimnis war, aber dennoch schwer zu fassen bleibt. Ein Team von Historiker:innen legte 1002 Fälle sexuellen Missbrauchs offen, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts in Schweizer Diözesen stattgefunden haben sollen. Das Forschungsprojekt offenbarte insgesamt 921 Opfer. Es sei nur die Spitze des Eisbergs, so das gleichsam ominöse und nüchterne Fazit. Die Studie hat die Schweizer Kirche und ihre Mitglieder verständlicherweise erschüttert. Nicht, weil sie es für unmöglich gehalten hatten, sondern weil bis zu diesem Zeitpunkt die Hoffnung, dass das Ausmass doch kleiner als befürchtet ausfallen könnte, die nagenden Zweifel übertönt hatte.

Angesichts der jüngsten Vorwürfe haben mehrere prominente Schweizer Katholiken öffentlich ihren Schmerz zum Ausdruck gebracht. Viele von ihnen haben auch entschieden, ihren Entschluss zu verteidigen, trotz all der Gräueltaten in der Kirche zu bleiben. Ihre Ansichten waren nuanciert und vorsichtig. Aber ein Blick auf die öffentliche Reaktion in den sozialen und traditionellen Medien dürfte für die allgemeine Stimmung um einiges repräsentativer sein.

“Menschen, die sich entscheiden, in der katholischen Kirche zu bleiben, stellen sich hinter ihre Geschichte des Missbrauchs.”

“Menschen, die bleiben, haben Blut an ihren Händen.”

“Sie sind mitschuldig!”

Der explosive Zorn richtet sich jetzt nicht mehr nur gegen missbrauchende Priester und die Bischöfe, die sie schützen. Er richtet sich auch gegen jedes Mitglied dieser zerbrochenen Institution, welches sie mit Zeit, Geld und Glauben unterstützt. Wenn bereits die zu Mittätern werden, die lediglich bleiben, was ist dann mit jenen, wenigen, die sich entschieden haben beizutreten?

In diesem Herbst werde ich Katholikin. Ich werde ein Teil der Institution, die diese Verbrechen zugelassen, verleugnet und verborgen hat. Eine Institution, die heute weitgehend mit sexuellem Missbrauch von Minderjährigen und schutzbedürftigen Menschen in Verbindung gebracht wird. Es ist mir unmöglich, Unwissenheit vorzutäuschen.

Es gibt Momente, in denen fühle ich mich buchstäblich verliebt in die Tradition, die ich bald meine eigene nennen werde. Ich fühle mich hingerissen zur Feier der Eucharistie, verzaubert vom Schatz Liturgie und aufgehoben in den Jahrhunderten geistlicher Literatur. Diese Momente des geistlichen Hochgefühls tragen mich sicher über die kleineren Risse kognitiver Dissonanz hinweg. Aber wenn sich tiefere Spalten vor mir auftun, dann verliere ich den Halt. Die jüngsten Erkenntnisse, nicht nur über den sexuellen und psychologischen Missbrauch, der stattgefunden hat (und sicherlich noch immer stattfindet), sondern auch über das Schweigen, das darübergelegt wurde, und den Schutz der beteiligten Täter, lösen in mir einen Sturm aus Schmerz, Ekel und Traurigkeit aus. Den aufgeregten, freudigen Nervenkitzel, den der Gedanke an meine Konversion noch vor wenigen Wochen in mir hervorgerufen hat, ist jetzt getrübt. Nicht verschwunden, aber verwandelt in eine beunruhigende, hybride Erfahrung. Meine Freude ist jetzt schmerzhaft. Das Stolz, mit dem ich meine Entscheidung getroffen hatte, ist jetzt mit Scham durchzogen. Der Frieden, den ich angesichts meiner Überzeugung kurz verspürt hatte, ist zur Verunsicherung geworden

Ich erinnere mich an den ersten Schritt, den ich im Prozess meiner Konversion gewagt habe. Es war vor fünf Jahren, und ich tat, was ich immer tue, wenn ich in einer Frage gespalten bin. Ich sprach mit meiner Mutter. Meine Mutter, katholisch erzogen, war immer das schwarze Schaf in unserer Familie, wenn es um Religion ging. Ihr Katholizismus wurde stets verspottet und abgelehnt. Den abwertenden und vereinfachenden Stereotypen konnte sie umgekehrt wenig entgegenhalten. Als ich zum ersten Mal einen Ruf in die katholische Kirche verspürte, konnte ich es niemandem erzählen ausser ihr.

Als wir uns in einem Café trafen, hatte sie keinen Schimmer, worüber ich mit ihr sprechen wollte. Ich konnte kaum den ersten Satz herausbringen…

„Ich habe so eine Art Glaubenskrise...“.

Und sie sagte: „Ich auch.“

In den letzten Tagen hatte sie die Netflix-Dokumentation «The Keepers» gesehen, über den Mord an Schwester Catherine Cesnik und den schrecklichen Missbrauch, den sie zu enthüllen drohte, gesehen. Ich konnte sehen, dass meine Mutter bis ins Mark erschüttert war. Solche Geschichten stellen nicht nur das Vertrauen in eine ohnehin schon fragwürdige Institution auf den Prüfstand, sondern den Glauben an Gott.

So erzählte mir meine Mutter an diesem Tag, wie desillusioniert sie von der katholischen Kirche war, da ich ihr berichtete, dass ich erwog, Mitglied zu werden. Es war eine prägende Erfahrung. Sie hielt mich nicht davon ab, aber sie machte mich vorsichtig. Sie ließ mich jede neue Information, jede Intention, jede Regung meines Herzens in Frage stellen. Es folgte ein intensiver Prozess der Dekonstruktion und Rekonstruktion.

Dieses Gespräch mit meiner Mutter war ein Geschenk. Es bewahrte mich davor, dem kurzsichtigen religiösen Enthusiasmus zu verfallen, der Konvertiten – aller Religionen, Konfessionen und auch säkularer Überzeugungen – oft ergreift. Es ermöglichte mir, die Fallstricke einer strikt hierarchischen Institution zu erkennen und die Rolle, die ich darin spielen würde, zu hinterfragen, bevor ich irgendwelche Entscheidungen traf. Und vor allem machte es mir die Bedeutung einer soliden und verantwortungsvollen Theologie bewusst. Eine Theologie, die die Gefahren von Machtverhältnissen sorgfältig in den Blick nimmt.

Ich bin nämlich fest davon überzeugt, dass Theologie eine grosse Rolle im Phänomen des Kirchenmissbrauchs spielt. Während individuelle und psychologische Neigungen zu missbräuchlichem Verhalten die Täter motivieren mögen, ist es die vorherrschende Theologie, die sie schützt.

Toxische Theologie stellt die Tugend des Gehorsams über die Ungerechtigkeit.

Toxische Theologie besteht darauf, dass Opfer in Stille leiden und von dem sprechen, was ihnen widerfahren ist, im Namen der Vergebung.

Toxische Theologie sorgt sich mehr um ein künftiges Paradies als um die Höllenqualen die ihre Kirchenmitglieder im Hier und Jetzt ausstehen.

Theologie ist keine abstrakte Reflexion über Glaubensfragen. Sie ist genau das, was den Unterschied ausmacht zwischen einer Kirche, die ihre Mitglieder wertschätzt und bewahrt, und einer Kirche, die sie täglich verletzt und traumatisiert. Unsere Theologien sind ausschlaggebend. Und so ist in den vergangenen Tagen und Wochen, seit dieser jüngsten Missbrauchsenthüllung, das Thema der Verletzlichkeit zu einer meiner dringenden theologischen Prioritäten geworden.

Jesu Mitgefühl für die Sünder ging bis zum Äussersten. Bis zum Kreuz. Dort hing er inmitten verurteilter Verbrecher. Einer von ihnen. Aber zum Erlöser macht ihn mehr als seine Bereitschaft zu vergeben. Jesu Dienst begann nicht am Kreuz, als er dem Dieb vergab. Er begann nicht auf dem Weg nach Damaskus, als er Saul, einem notorischen Verfolger der Christen, eine zweite Chance ermöglichte. Jesu Dienst offenbarte seine Prioritäten schon lange vor seinem Tod und seiner Auferstehung. Es dabei ging es ihm immer um die Opfer.

Die Opfer von imperialer Herrschaft, wirtschaftlicher Ausbeutung und sexueller, körperlicher und psychologischer Gewalt. Jesu Mitgefühl für Sünder erfolgte nie auf Kosten seiner Solidarität mit ihren Opfern. Jede Form von Christentum, die behauptet, Jesus zu folgen, sollte dies ernst nehmen. Das gilt für die katholische Kirche und für jede religiöse Institution, die beschlossen hat, den Tätern in ihren Reihen zu vergeben, ohne auch nur einen Gedanken an die Menschen zu verschwenden, deren Leben sie zerstört haben. Dass eine öffentliche Anerkennung eigener Versäumnisse und wirkliche Konsequenzen für die Täter noch immer weitestgehend ausbleiben, zeigt eine Missachtung und Verdrehung der Prioritäten Christi selbst.

Eine Kirche, die sich um die Opfer kümmert, spielt ihre Schuld oder das verursachte Leid nicht herunter. Sie schiebt keine Schuld auf andere ab oder minimiert ihre eigene Verantwortung. Sie gibt ihre Macht auf und wird zur Bussfertigen zu Füssen des Opfers. Wahre Wiedergutmachung ist ihr Credo.

Was also tun mit der Frage der Mitschuld? Muss ich, eine Konvertitin, Verantwortung für diese Gräueltaten tragen, weil ich mich mit der Institution identifiziere, die sie zugelassen hat? Ja, zum Teil. Ich glaube nicht, dass mich das dazu zwingt, mich von der Institution fernzuhalten, die Täter und Opfer gleichermassen unter ihrem Dach vereint. Ich glaube nicht, dass ich aus dieser Verantwortung heraus die Kirche insgesamt boykottieren muss. Das würde ja bedeuten, dass wir unser Recht auf eine spirituelle Lebensweise denen überlassen, die die Mission der Kirche von Anfang an entweiht und mit Füssen getreten haben.

Aber auch wenn meine Konversion mich nicht mitschuldig an den Verbrechen macht, erfordert sie von mir, Verantwortung zu übernehmen.

Als ausgebildete Theologin bin ich besonders verantwortlich dafür, eine Theologie zu verteidigen und in die Praxis umzusetzen, die fest in Solidarität mit den Opfern steht, selbst wenn ich keine Machtposition innehabe. Selbst wenn ich „nur“ ein Gemeindemitglied bin.

Ich bin verantwortlich dafür, toxische Theologien zu entlarven wo ich sie erkenne. Ich bin verantwortlich dafür, mich laut und unermüdlich zu äussern, wenn ich kirchlichen Missbrauch mitbekomme. Ich bin verantwortlich dafür, Raum zu schaffen für Trauer, Zorn und Hoffnungslosigkeit, wenn ein Mitglied meiner Gemeinschaft Opfer wird. Es ist meine Pflicht, für eine Theologie einzutreten, die den Menschen erlaubt, die Kirche zu verlassen, ohne ein Gran religiöser Scham oder Schuld, wenn das ihr Weg ist zu heilen. Ich habe die Verantwortung zu trauern und zu beten.

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