Zweigesichtig ins Burnout

Janus ist einer der verblüffendsten römischen Götter. Vor Kurzem hat er sich mir als unerwarteter Schutzheiliger der Universitäten und Akademiker offenbart.

Ein junger feierlustiger Janus, im späten 12. Jahrhundert im Fécamp Psalter (The Hague, Koninklijke Bibliotheek, MS 76F 13, fol. 1v) abbgebildet.

Zu erklären, wofür Janus eigentlich zuständig ist, ist eine Herausforderung . Er ist eine paradoxe Entität, der Gott der Dualitäten und Widersprüche. Janus umfasst Tod und Leben, Vergangenheit und Zukunft und vor allem Anfang und Ende. Er inspirierte den berüchtigten Comic-Schurken Two-Face, und ist ebenso zweigesichtig wie befremdlich. Seine Eigenschaften machen ihn nicht unbedingt vertrauenswürdig, aber genau deshalb verkörpert er die akademische Welt wie kaum eine andere Gestalt.

Janus steht für die Erkenntnis, dass jeder Eingang gleichzeitig ein Ausgang ist und umgekehrt. Das Ende einer Jahreszeit markiert den Beginn der nächsten. Auch die Akademie ist geprägt von wechselnden Jahreszeiten, und es bedarf einer janusköpfigen Haltung, um sich darin bewegen zu können, ohne steckenzubleiben.

Seit Jahren schicke ich Nachrichten an meine Freunde und teile ihnen mit, dass ich mich gerade in einer schwierigen Phase befinde.

„Mir geht’s gut, ich bin nur gerade echt beschäftigt. Jetzt, wo das Semester angefangen hat, nimmt das Unterrichten so viel Zeit in Anspruch…"

„Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe! Es ist Sommerpause, und ich bin in ein Forschungsthema eingetaucht. Ich werde wahrscheinlich ein paar Wochen nicht aus meiner Höhle kommen.“

„Nächste Woche beginnt das Semester, und ich habe soooo viele E-Mails, die ich noch beantworten muss. Aber ich rufe dich bald an, ok?“

„Endlich naht die Winterpause! Aber nein, ich habe keine Zeit, etwas zu unternehmen. Ich habe bald einige Abgabefristen.“

Wenn du solche Nachrichten von mir oder einem deiner Akademikerfreunde erhalten hast, möchte ich mich jetzt aufrichtig dafür entschuldigen. Es handelt sich dabei weder um faule Ausreden, noch um feige Versuche, Freundschaften zu kündigen. Diese Nachrichten sind Geister vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Semester. Sie kündigen die wechselnden Jahreszeiten an, ähnlich wie Pumpkin-Spice-Lattes, plötzlicher Schneefall oder blühende Kirschblüten. Sie sind die Vorboten einer weiteren Phase, die sich unvermeidlich entweder zu kurz oder zu lang anfühlen wird. Jahreszeiten, die kaum Zeit für etwas anderes als die Universität lassen.

Der Begriff der „akademischen Arbeit“ sollte nicht im Singular existieren. Jedes Semester nehmen die Anforderungen an Dozenten, Professoren und Forscher zu und diversifizieren sich. Die Zeit für Forschung wird immer knapper, verdrängt von endloser Verwaltungsarbeit, ermüdenden Evaluierungsprozessen und dem Kampf um schwindende Ressourcen. Der Druck, Konferenzen zu besuchen und zu organisieren, Artikel zu veröffentlichen und Bücher zu schreiben, steigt parallel zur Verantwortung, spannende Kurse anzubieten und eine ermutigende Atmosphäre für Studierende zu schaffen. Folglich ist der wissenschaftliche Geist ständig gespalten. Zweigesichtig, wie Janus, mit einem Auge darauf bedacht, dass keine E-Mail unbeantwortet bleibt, während das andere die akademische Landschaft nach Möglichkeiten zur Weiterentwicklung absucht.

Auch das akademische Jahr ist in zwei Hälften geteilt: zwei Jahreszeiten der Isolation, zwei Jahreszeiten der Zerstreuung. In letzteren bleibt kaum Zeit für tatsächliche Forschung. Die halbe Stunde zwischen Vorlesungen und Meetings wird meist damit verschwendet, dieselbe Buchseite immer wieder zu lesen, die man das ganze Semester über kaum bewältigt. Der Übergang in die Sommer- und Winterpausen ist umso abrupter und fühlt sich an, als würde man auf eine quasi-klösterliche Insel versetzt. Literatur wird nun im Eiltempo durchgearbeitet, ganze Kapitel nehmen Gestalt an, und Artikel, die schon vor Monaten fällig gewesen wären, sind plötzlich innerhalb einer Woche fertig.

Diese Veränderung des Tempos fühlt sich wie ein Urlaub an. Zumindest bis sich der Beginn eines neuen Semesters nähert. Dann setzt die Erschöpfung von zwei Monaten ein, die man damit verbracht hat, Informationen zu verschlingen und den Rest der Welt zu ignorieren. Janus zeigt immer wieder seine zwei Gesichter.

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