Die Glücksmädchen
Das „Lucky Girl“-Syndrome ist der jüngste Social Media-Trend, der jungen Frauen und Mädchen verspricht, dass sie ihr Leben ohne grossen Aufwand auf den Kopf stellen können. Spiritualität als Schlüssel für ein erfolgreiches Leben? Eine Erkundung geschlechtsspezifischer Eso-Maschen.
Aus dem Englischen übersetzt.
Wird alles, was du anfasst, zu Gold? Bekommst du jeden Job, den du willst, und ziehst du alle Blicke auf dich, wenn du einen Raum betrittst? Gehörst du zu den Personen, die einfach keine falschen Entscheidungen treffen können? Dann könntest du am „Lucky Girl“–Syndrom leiden. Wenn du ein „Lucky Girl“, ein Glücksmädchen, werden willst, ist der erste Schritt, daran zu glauben, dass du es schon bist. Selbstdiagnose ist in diesem Fall keine Gefahr, sondern eine unverzichtbare Voraussetzung!
Die „Lucky Girls“, die gerade die sozialen Medien für sich einnehmen, sind lediglich die letzte Iteration der weiblichen Klischees, die seit Jahren auf Instagram, TikTok & Co. herumgeistern: Manifestations-Königinnen, Online-Hexen, Eso-Tussis…es gibt sie in hundert verschiedenen Geschmackssorten.
Sie visualisieren ihre Zukunft, knüpfen Kontakte in anderen Dimensionen und Zeiten, sammeln Kristalle, deuten Tarotkarten und Horoskope und entdecken ihre weibliche Energie wieder. Sie wissen: Körperliche Fitness ist nicht alles, wenn es um ganzheitliche Gesundheit geht – an der eigenen Spiritualität zu arbeiten, ist genauso wichtig. Und sie tun es mit Stil. Im vergangenen Jahr ist Spiritualität im Netz zunehmend zur Performance geworden. Spiritualität ist zum Lifestyle geworden, der vor allem zur Schau gestellt werden soll.
Je mehr wir davon sehen, desto offensichtlicher wird eines: Die „spirituelle“ Seite der sozialen Medien arbeitet wie kaum eine andere Nische mit Geschlechter-Stereotypen. Spirituelle Influencer sind überwiegend Frauen. Das „Lucky Girl“-Syndrom ist nur einer der vielen Trends, die es speziell auf Mädchen abgesehen haben. Ein uralter Erklärungsveruch für dieses Phänomen – sowohl on- als auch offline – ist die Behauptung, Frauen seien von Natur aus spiritueller und religiöser seien als Männer. Sind die vielen Esoterik-, Mindset- und Spiritualitätsmaschen, die in den letzten Jahren vor allem junge Frauen anvisieren, also bloss ein Ausdruck einer natürlichen Vorliebe? Oder steht dahinter knallhartes Kalkül? Ich mache mich auf eine Entdeckungsreise durch Hashtags und Schneeballsysteme.
Die spirituelle Geschlechterlücke
Spiritualität ist freilich ein Lebensbereich, der flüchtig und schwer zu fassen ist. Das liegt in der Natur der Sache. Wie könnte es also anders sein, dass auch die verfügbaren wissenschaftlichen Daten, die „hard facts“, wenn man so will, in diesem Bereich nicht eindeutig sind. Zwar haben einige Wissenschaftler bereits die These aufgestellt, dass Frauen dazu neigen sollen, spiritueller und religiöser zu sein als Männer. Doch über die Gründe für diese sogenannte „spirituelle Geschlechterlücke“ (spiritual gender-gap) herrscht weiterhin Uneinigkeit.
Aufmerksamen Leser ist vielleicht aufgefallen, dass ich gerade Spiritualität und Religiosität gleichgesetzt habe. Und meinungsstarke Leser könnten zurecht einwenden, dass das ein absolutes No-Go ist. Mehr als ein Viertel der US-Amerikaner bezeichnen sich aktuell als „spirituell, aber nicht religiös“. Und wer jemals Erfahrung mit organisierter Religion – welcher Art auch immer – gemacht hat, hat sicherlich Menschen getroffen, die klar religiös, aber alles andere als spirituell sind. Genau das ist eines der ersten Probleme, mit denen Sozialwissenschaftler bei der Datenerhebung konfrontiert werden: „Spirituell sein“ kann eine Vielzahl von Dingen bedeuten.
Die meisten Studien wurden bisher in überwiegend christlich geprägten Kulturen durchgeführt, in denen Spiritualität mit persönlichem Gebet, wohltätigen Werken und nachbarschaftlichen Gemeinschaften assoziiert wird. In solchen Kulturen werden Geselligkeit, Freundlichkeit und privat statt öffentlich gelebte Frömmigkeit oft als typisch weibliche Werte angesehen. Zufall?
Eine Studie zur Religiosität in Israel argumentierte, dass „während man sagen könnte, dass christliche Kirchen ein Ort für Frauen sind, man genauso sagen könnte, dass jüdische Synagogen ein Ort für Männer sind“.¹ Global betrachtet, halten sich 83,4 % der Frauen für religiös und/oder spirituell, während es bei Männern nur 79,9 % sind. Doch was es bedeutet, Spiritualität zu leben, variiert stark zwischen Religionen und Kulturen. Deshalb ist die spirituelle Geschlechterlücke auch nicht überall auf der Welt gleich ausgeprägt.
Dennoch bleibt sie ein offensichtliches Phänomen in diversen Kulturen und wirft immer wieder grundlegende Fragen auf. Wie zum Beispiel: Liegt eine Affinität für Spiritualität gar in der weiblichen Biologie begründet? Die Idee, dass die spirituelle Geschlechterlücke auf eine mental-funktionale Eigenschaft hinweist, die bei Frauen stärker ausgeprägt ist, ist zweifellos die simpelste Lösung für diese komplexe Frage. Das macht sie aber längst nicht wahr. Eine bemerkenswerte Studie hat vorgeschlagen, dass Testosteronspiegel – das sogenannte „Risikohormon“ – die Religiosität eines Menschen beeinflussen könnten. Männer neigen möglicherweise eher dazu, Risiken einzugehen, soziale Grenzen zu überschreiten und Erlebnisse zu bevorzugen, die sie bereits im Diesseits geniessen können, statt auf Belohnungen im Jenseits zu hoffen.² Erhärtet werden konnte der Einfluss unserer Biologie auf unsere spirituellen Neigungen aber noch nicht. Und so oder so: Die soziale Prägung durch unser Umfeld und unsere Kultur dürfte immer noch eine wesentliche Rolle spielen.
Wähle deine Spielfigur!
Eine Online-Präsenz aufzubauen ist wie die Wahl eines Charakters in einem Computerspiel. Wenn du Aufmerksamkeit erregen, eine Fangemeinde aufbauen oder Einfluss gewinnen möchtest, ist es sinnvoll, auf ein Modell zu setzen, das sich bereits bewährt hat. Meist ist es klug, die eigene Marke nach einem bekannten und beliebten Klischee zu gestalten. Sei es als Fitnessinfluencer oder Spiritualitätsguru: Der Algorithmus belohnt nicht Individualismus, sondern stereotype Konformität. Wer Influencer werden will, muss sich also der unausweichlichen Frage stellen: Welcher Typ bist du? Die Auswahl ist dabei erstaunlich begrenzt.
Männer (und maskulin auftretende Personen), die sich im weiten Markt der Online-Spiritualität einen Namen machen wollen, haben nur wenig Spielraum, was ihre Persona betrifft. Würde ich dich bitten, ein Haus zu zeichnen, würdest du wahrscheinlich ein Haus mit Spitzdach skizzieren. Würde ich dich bitten, einen spirituellen Mann zu zeichnen, trüge er vermutlich weite Leinenhosen. Der Hippie-Typ mit der sanften Stimme funktioniert einfach. Alternativen gibt es wenige.
Frauen (und feminin präsentierende Personen) hingegen sind zu einem verlockenden Buffet an möglichen Charakteren eingeladen. Du könntest dich für die dunkle, mystische Tarot-Wahrsagerin entscheiden. Oder für die Yogalehrerin, die vor drei Monaten nach Bali gezogen ist und hofft, dass ihre rohe vegane Ernährung sie zu innerem Frieden führt. Vielleicht interessiert dich der #holygirl-Trend auf Instagram, bei dem junge Frauen versuchen, den Katholizismus wieder cool zu machen, und die ihr persönliches Mantra im biblischen Buch der Sprichwörter, Kapitel 31, gefunden haben. Als Kontrast könntest du den berüchtigten „cultural appropriation“-Typ wählen, der jede Woche ein neuer Aspekt indigener Spiritualität missrepräsentiert. Und wenn dir das alles zu viel wird, zieh dich zurück in die Natur, kauf dir ein Stück Land, und ziehe deine Kinder und Hühner ohne den Einfluss moderner Medizin und Technik gross – während du das Ganze selbstverständlich minutiös im Internet dokumentierst. Als #spiritualgirl jeder Couleur steht dir die Online-Welt offen.
Noch wichtiger ist, dass deine spirituelle Selbstdarstellung nichts über deine politische Zugehörigkeit aussagt. Du könntest Rechtsesoterikerin, Hardcore-Linke, liberale Demokratin oder libertäre Anarchistin sein. Frauen stehen ihre politische Ansichten beim spirituell-angehauchten Online-Auftritt selten im Weg. Die ästhetischen Nischen sind zahlreich und vielfältig. Du hast die Wahl!
Power to the Powerless
Endlich: das Weib! Die eine Hälfte der Mensch heit ist schwach, typisch-krank, wechselnd, unbeständig – das Weib braucht die Stärke, um sich an sie zu klammern, und eine Religion der Schwäche, welche es als göttlich verherrlicht, schwach zu sein, zu lieben, demütig zu sein – oder besser, es macht die Starken schwach – es herrscht, wenn es gelingt, die Starken zu überwältigen. Das Weib hat immer mit den Typen der décadence, den Priestern, zusammen konspiriert gegen die »Mächtigen«, die »Starken«, die Männer.³
Die unausstehliche Rhetorik allein verrät es: Diese Worte stammen vom Philosophen Friedrich Nietzsche. Religion, so behauptet er, habe den Schwachen geholfen, ihre Herrschaft über die Starken aufrechtzuerhalten. Anders gesagt: Die weniger Privilegierten hätten Religion genutzt, um die Privilegierten zu unterdrücken. Frauen, um Männer; Arme um Reiche; Kranke um Gesunde zu unterdrücken. Die Liste lässt sich beliebig weiterführen, und im Kontext klingt die eben zitierte Passage auch nicht mehr so unverhohlen frauenfeindlich, sondern allgemein misanthropisch. Keine Sorge – Nietzsche hat dafür bereits reichlich Kritik geerntet.
Doch eine seiner Behauptungen über das Wesen der Religion könnte trotzdem interessante Einblicke in die spirituelle Geschlechterkluft liefern. Was, wenn Religion tatsächlich eine Quelle ist, zu der die Machtlosen greifen? Nicht, um damit andere, Stärkere zu dominieren, sondern um ein Gefühl der Sicherheit zu finden, das ihnen sonst verwehrt bliebe.
Nietzsche nahm in seiner Religionskritik vor allem das Christentum ins Visier. Ein Gott, der sich buchstäblich kreuzigen liess, und in seinen Weisungen die Sanftmütigen und Demütigen lobte, erschien ihm erbärmlich. Nur die, die selbst nicht stark genug sind, um für sich zu sorgen, müssten sich laut ihm auf sich auf einen solchen Gott verlassen. Aber was würde Nietzsche wohl zu der Spiritualität sagen, die heute online so populär ist? Zum Beispiel zum „Lucky Girl“-Syndrom?
Auf den ersten Blick propagiert das „Lucky Girl“-Syndrom die vollständige Selbsttäuschung. Wenn du pleite bist, glaube daran, dass du stinkreich bist. Wenn du verletzlich und ausgeliefert bist, glaube daran, dass dir nichts schaden kann. Wenn du dir selbst nicht gefällst, rede dir ein, du seist eine Granate. Manifestationstechniken und positive Affirmationen sind zum Grundstein von Online-Spiritualität geworden und versprechen einen Ausweg aus den dunkleren Seiten der Realität. Dass sie vor allem bei Frauen beliebt sind, ist vermutlich kein Zufall.
Diese Form der Spiritualität will ermächtigen. Was, wenn Frauen sich stärker zu ihr hingezogen fühlen, weil sie sich häufiger machtlos fühlen? Spirituelle und religiöse Überzeugungen erlauben es, die Realität zumindest teilweise zu auszubleinden – das Unmögliche zu erhoffen, das Unvermeidliche zu vermeiden und das verborgene Potenzial in sich selbst und der Welt zu erkennen. Die Vorstellung, dass man biologische und soziale Nachteile allein durch Glauben überwinden kann, ist unglaublich verlockend für jene, die das Gefühl haben, dass ihre Fähigkeiten, dies auf andere Weise zu tun, durch diskriminierende soziale Strukturen begrenzt sind.
Das Anti-Bossbabe
Apropos unterdrückerische soziale Strukturen: Es ist gut möglich, dass Arbeit einen Einfluss auf die spirituelle Geschlechterkluft haben könnte. Erste Studien zeigen, dass Frauen, die berufstätig sind und außerhalb ihres Zuhauses arbeiten, seltener religiös gebunden sind. Dieses Phänomen gleicht allerdings einem Rorschach-Test: Mangels schlüssiger Erklärungen kann jede*r das Bild nach seinem Gutdünken interpretieren.
Liegt es daran, dass Frauen im Berufsleben mit Ideen in Kontakt kommen, die religiöse und spirituelle Überzeugungen infrage stellen? Oder gleichen sie sich an ihr männlich dominiertes Umfeld an, indem sie eine säkulare, selbstbestimmte Perspektive auf ihre Zukunft einnehmen, anstatt sie in die Hände übernatürlicher Mächte zu legen? Aus einer Warte, die sowohl Religion als auch traditionelle Geschlechterrollen kritisch betrachtet, könnte diese Beobachtung als Argument für die Karriereförderung von Frauen herhalten. Der Eintritt von Frauen in die Arbeitswelt als Schutzmaßnahme gegen religiöse Indoktrination und spirituellen Missbrauch? Das wäre eine Interpretation der Datenlage.
Wer jedoch religiöses Engagement allgemein befürwortet, und Säkularisierungstendenzen skeptisch gegenübersteht, wird den gleichen Daten eine gegenteilige Argumentation entnehmen. Dann erzählt die Statistik plötzlich von Frauen, die von ihrer wahren Bestimmung und ihrer inneren Natur entfremdet sind. ie beschreibt, wie die feministische Bewegung nicht nur einzelnen Frauen und Familien, sondern auch religiösen Traditionen geschadet habe, die für das Gedeihen der Kultur essenziell sind.
Wer denkt, eine solche Sichtweise sei fundamentalistischen Gemeinschaften vorbehalten, täuscht sich. Heute argumentieren auch New-Age-Influencer*innen und geschickte Online-Esoteriker*innen, der Feminismus habe Frauen von ihrer weiblichen Energie und Intuition entfremdet. Ob konservativ-religiösen oder zeitgenössisch-spirituell motiviert: diese Auffassung rät Frauen entschieden davon ab, sich in traditionell männlichen Domänen zu bewegen. Betriebsamkeits-Kultur (die sogenannte „hustle culture“) ist der erklärte Feind, der gleichsam für den Verlust traditioneller Familienwerte und den Rückgang von religiös-spiritueller Verbundenheit unter Frauen verantwortlich gemacht wird.
Die Daten bestätigen weder noch. Bestenfalls lassen sie uns mit der rätselhaften Beobachtung zurück, dass Arbeit und spiritueller Glaube korrelieren könnten. Und, wie immer gilt: Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Auch wenn es einigen Agenden perfekt in den Kram passt, anzunehmen, dass Arbeit ausserhalb des Heims Frauen atheistisch mache, ist das schlichtweg nicht der Fall. Tatsächlich könnte es genau andersherum sein! Was, wenn religiöse Frauen eher zu Hause bleiben, weil dies der Lebensstil ist, den ihre Gemeinschaften propagieren?
Von Frauen für Frauen
Soziale und religiöse Gemeinschaften spielen eine zentrale Rolle bei der religiösen Zugehörigkeit und spirituellen Identifikation. In Gemeinschaften wachsen wir in unseren Beziehungen, gestalten die Person, die wir sein möchten, und finden unsere Werte widergespiegelt. Für die meisten Religionen ist die Gemeinschaft ebenso heilig wie die private Frömmigkeit. Und auch wenn oft behauptet wird, dies treffe auf moderne, eklektische Spiritualitäten nicht zu, singt ihr Online-Ausdruck eine anderes Lied. Auch spirituelle Influencerinnen versuchen kollektive Erfahrungen und Beziehungen zu fördern, nur tun sie dies virtuell. Ob eine spirituelle Überzeugung echte Gemeinschaft voraussetzt oder sich auf individuelle Praxis konzentriert, bietet sie in jedem Fall etwas für die menschliche Lebenswelt Grundlegendes: ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Spiritualität ist selten ein Selbstzweck. Vielleicht für die Mystikerinnen aller Religionen, die behaupten, alle Wünsche – selbst die religiösen – aufgegeben zu haben. Doch wahre Mystikerinnen sind glücklicherweise seltene Ausnahmen. Die meisten von uns Normalsterblichen sind ständig auf der Suche. Auf der Suche nach Sicherheit. Auf der Suche nach Trost. Auf der Jagd nach Glück. Unsere Überzeugungen und die Gemeinschaften, die sie teilen, helfen uns, mit unerfüllten Sehnsüchten umzugehen, und versichern uns, dass es angesichts aller Enttäuschung und Angst auf dieser Welt tatsächlich einen Ort gibt, an dem wir hingehören.
Einen Ort, an dem wir Menschen begegnen, mit denen wir uns identifizieren können. Menschen, die nicht nur unsere doktrinären Überzeugungen, sondern auch unsere Vorlieben, Lebensstile und Alltagserfahrungen teilen. Marta Trzebiatowska und Steve Bruce argumentieren, dass dies der Schlüssel dazu sein könnte, warum spirituelle Räume so stark geschlechtsspezifisch geprägt sind: Frauen fühlen sich, ihrem Argument zu Folg,e nicht von Natur aus stärker zu spirituellen Erfahrungen hingezogen, sondern neigen aufgrund ihrer Sozialisierung eher dazu, zwischenmenschliche Kontakte zu knüpfen und sich dauerhaft zu engagieren. Nicht weil sie als Frauen per se zur Fürsorglichkeit neigen, sondern weil sie in religiösen Milieus auf Menschen treffen, die ihnen ähnlich sind. Spirituelle Räume sind „von Frauen für Frauen gestaltet“.⁵
Moment Mal! könnte man einwenden. Ist nicht für viele traditionelle religiöse Räume das Gegenteil der Fall? Wurden sie nicht gerade patriarchal beeinflusst, und von Männern in Machtpositionen gestaltet? Ein berechtigter Einwand, der selbst wiederum von der Datenlage gestützt sein könnte. Denn während die spirituelle Geschlechterlücke im Bereich von Online- und New Age-Spiritualität besonders weiblich ausgeprägt wird, sehen sich traditionell-institutionelle Religionen mit einem stetigen Rückgang weiblichen Engagements konfrontiert. Feministische Wissenschaftlerin haben deshalb argumentiert, dass sich dies auf den gleichen Mechanismus zurückführen lässt: Diese Räume sind von Männern für Männer gestaltet.⁶
Die Unglücksmädchen
In der Geschichte war die spirituelle Geschlechterkluft oft offensichtlich, gerade in Räumen, die scheinbar von Männern für Frauen geschaffen wurden. Denken wir nur an die römischen Bacchanalien, inspiriert vom griechischen Dionysos-Kult – kaum etwas könnte phallischer sein! Als die geheimen Feste nach Rom kamen, waren sie zunächst Frauen vorbehalten. Frauen waren die Hauptverehrerinnen von Dionysos, auch bekannt als Bacchus. Bereits damals waren männliche Gelehrte und Künstler fasziniert von der Frage, warum. In Euripides’ berühmtem Drama Die Bakchen verfallen die Anhängerinnen des Wein-Gottes dem religiösen Wahn. Eine Horde wilder Frauen wird in ihrer Raserei zum Plündern und Zerstören animiert, bis eine Mutter sogar ihren eigenen Sohn enthauptet. Die Idee, dass Frauen besonders anfällig für göttliche Reize – oder religiöse Täuschung – seien, nahm früh Wurzeln. Und sie prägte das Frauenbild vieler Kulturen.
Bewegungen mit überwiegend weiblicher Anhängerschaft galten oft als Bedrohung für die Gesellschaft. Obwohl das Christentum selbst als weiblich-dominierte Sekte seinen Lauf nahm, wurden Gruppen religiös-motivierter Frauen vor allem im christlichen Mittelalter als Gefahr angesehen. Im 8. Jahrhundert zog der Prediger und selbsternannte Heilige Adalbert durch Gallien und sammelte eine große weibliche Anhängerschaft. Er behauptete, von Engeln gesandt zu sein, verschenkte Nägel und Haare als Amulette und predigte radikale Armut. Doch sein Ruhm wurde ihm zum Verhängnis. Der Mönch und Missionar Bonifatius verfolgte Adalbert und seine Anhängerinnen als Ketzer, verbrannte seine Schriften und brandmarkte ihn als Wahnsinnigen. Die Frauen, die ihm folgten, seien von einem gerissenen Scharlatan verführt geworden.
Einige Jahrhunderte später wiederholte sich diese frauenfeindliche Geschichte. Anfang des 13. Jahrhunderts wandte sich der grausame Kreuzzug gegen die sogenannten Katharer in Südfrankreich. Die Katharer, bekannt für ihren radikalen Zölibat und die hohe Stellung der Frauen in ihren Reihen, wurden als Gefahr für die Gesellschaft angesehen. Frauen waren zentrale Figuren in ihrer Hierarchie und stellten damit bestehende Geschlechterrollen infrage. Die Angst vor den Konsequenzen ihres religiösen Eifers mündete in einem brutalen Genozid – Frauen und Kinder nicht ausgenommen.
Damals wie heute ist die spirituelle Geschlechterkluft, der spiritual gender-gap, ein Quell grausamer Ironie. Zwar versprechen religiöse und spirituelle Gemeinschaften Frauen besondere Ermächtigung und Zugehörigkeit. Gerade deshalb, aber, sind es speziell Frauen, die oft Opfer von spirituellen Betrugsmaschen werden, und schlimmstenfalls für ihre Sehnsucht nach einem religiösen Zuhause bestraft werden.
1 Landon Schnabel, Conrad Hackett, and David McClendon. Where men appear more religious than women: Turning a gender lens on religion in Israel. Journal for the Scientific Study of Religion 2018, vol. 57, pp. 80–94.
2 Rodney Stark. Physiology and Faith: Addressing the „Universal“ Gender Difference in religious Commitment. Journal for the Scientific Study of Religion 2002, vol. 41.
3 Friedrich Nietzsche, The Will to Power, 864, 2nd German Edition of 1906.
4 Marta Trzebiatowska and Steve Bruce, Why are women more religious than men? 2012, p. 71.
5 ibd.
6 Chia Longman. Women's circles and the rise of the new feminine: Reclaiming sisterhood, spirituality, and wellbeing. Religions 2018;9:9.