Nives im Niemandswald, Teil 1

„Blöde Ziege, Trollkopf, Gurkengesicht und Dickerchen!“

Nives warf ihren Rucksack in die Ecke und sprang, dreckige Schuhe voran, auf die goldene Samtcouch.

„Wie bitte?!“

Vier Augen waren auf Nives gerichtet. Das erste Augenpaar gehörte einer korpulenten Frau, mit einem strengen braunen Dutt, und einer noch strengeren Miene. Sie hatte ihren Kopf verrenkt, fast wie den einer Eule, und schaute Nives aufgebracht an. Ihr mit viel zu dunklem Lippenstift verschmierter Mund war zu einem dünnen Strich zusammengepresst.

Das zweite Augenpaar gehörte ihrer Tante Enora, die nicht weniger sauer dreinblickte.

„Verzeihung, Frau Grampus,“ räusperte sie sich. „Meine Nichte hat wohl ihre Manieren mit ihrem Kopf zusammen in der Schule vergessen. Wo war ich stehen geblieben?“ Sie liess die schwammigen Hände von Frau Grampus los, und rückte sich ihren jadegrünen, seidenen Turban zurecht. Eine feuerrote Locke sprang unter dem teuren Stoff hervor, und die Perlen auf ihrem Kaftan glitzerten im abgedunkelten Zimmer wie Sterne.

„Hmm, hmmm. Ah, jetzt sehe ich es!“ Frau Grampus hatte ihren Blick von Nives gelöst und streckte die Innenflächen ihrer Hände Enora zu. „Sie werden diese Woche noch jemanden treffen. Jemand aus Ihrer Vergangenheit, mit dem Sie Unausgesprochenes klären müssen. Alte Wunden müssen geheilt, alte Verletzungen vergeben werden. Sehen Sie,“ Enora griff nach dem rechten Zeigfinger der Dame und zeigte damit auf eine kleine Furche in ihrer linken Hand. „Hier! Hier liegt der Einschnitt, der Graben zwischen Vergangenheit und Zukunft. Diese Woche, werden Sie die Brücke zum Morgen überschreiten, aber nur, wenn sie sich der Herausforderung stellen.“ Ihre gekünstelt dramatische Stimme, die Kristallkugel auf dem Tisch, das mit geheimnisvoll ausschauendem Krimskrams vollgestellte Zimmer – all das gehörte zur Aura des Mysteriösen, wie es Tante Enora gerne nannte.

Sie liess die schwammigen Hände von Frau Grampus los, und rückte sich ihren jadegrünen, seidenen Turban zurecht. Eine feuerrote Locke sprang unter dem teuren Stoff hervor, und die Perlen auf ihrem Kaftan glitzerten im abgedunkelten Zimmer wie Sterne.

Frau Grampus war dieser Aura offenbar ganz und gar verfallen. „Mein jüngerer Bruder ist am Wochenende zu Besuch! Ich hab ihn schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen!“ Sie seufzte laut. „Alte Wunden, alte Wunden…Es gibt wohl keinen Weg drum rum. Er muss mir endlich vergeben, dass ich es war, die damals alles geerbt hat. Es war die Schuld meiner Eltern, dass sie seinen Namen im Testament falsch geschrieben haben, nicht meine! Und ausserdem bin ich die Ältere. Alte Verletzungen vergeben, haben Sie gesagt? Das werd ich ihm um die Ohren fliegen lassen, der beleidigten Leberwurst!“

Tante Enora nickte freundlich. „Äh, ja, das wird es sein.“

„Und was ist mit meinem Traum, von dem ich Ihnen am Telefon erzählt habe?“ flüsterte Frau Grampus. Verstohlen blickte sie zu Nives, die ihr überzeugend vorgaukelte, gerade in die neuste Ausgabe von Grimoire Heute vertieft zu sein.

„Oh ja, ich kann mich erinnern“. Tante Enora legte dramatisch zwei Finger an ihre Schläfe und schloss konzentrient die Augen, bevor sie schulterzuckend meinte: „Es wird wieder einmal Zeit für einen Termin beim Zahnarzt!“

Frau Grampus versteckte ihre gelblichen und weit vorstehenden Zähne hinter vorgehaltener Hand und errötete.

„Bitte entschuldigen Sie nochmals die Störung von vornhin. Wie wäre es mit einer Runde Kartenlesen aufs Haus bei Ihrem nächsten Besuch?“ fragte Enora, und Nives grinste gezwungen hinter dem Magazin hervor.

Säuerlich zückte Frau Grampus ihre Brieftasche, fischte mit ihren fleischigen Fingern einen Zwanziger daraus, und knallte ihn auf den Tisch.

„Aber mindestens!“ schnaubte sie. Sie machte auf ihrem Absatz kehrt, und wischte mit ihrem Hintern beinahe den Kerzenleuchter vom Tisch. Bevor sie, ihren grässlich grellen Mantel unter dem Arm, aus dem Laden stampfte, rümpfte sie noch einmal ihre Nase und warf Nives einen barschen Blick zu. Dann klingelte die Tür zwei Mal und fiel hinter ihr ins Schloss.

„Blöde Ziege? Dickerchen?! Du hast ja nicht ganz unrecht, meine Liebe, aber das brauchst du einer zahlenden Kundin wirklich nicht ins Gesicht zu sagen.“ Enora räumte ihre Kristallkugel in den bereits übersprudelnden Schrank, löschte die Kerzen und schaltete das ganz normale Deckenlicht an. Jetzt sah der Raum wieder aus wie die Rumpelkammer eines ganz normalen Scherzartikelbedarfs. Geblendet vom Licht jaulten ein paar der Bücher auf, die Krötenstatue in der Ecke kniff die Augen fest zusammen, und die Welten, die soeben noch in den Spiegeln und Kristallen aufgeflackert waren, verschwanden.

„Ich habe doch nicht die gemeint!“ protestierte Nives. „Ich habe schlicht und einfach aufgezählt, was mir heute so an den Kopf geworfen wurde. Und wenn du meinst, beim Gurkengesicht wär’s geblieben, hast du dich geirrt. Mindestens vier neue Beleidigungen habe ich mir heute anhören müssen.“

„Huch, hat da jemand den Fieslingen ein Lexikon in die Brotzeitdose gesteckt? Ich dachte immer, nur Leute mit Grips wären so einfallsreich…“ Enora liess sich neben Nives auf die Couch fallen, und befreite ihre lodernde Haarpracht. „Zeig mal her!“ Sie schnippte mit ihren smaragdrün manikürten Fingern. Nives reichte ihr das Grimoire Heute, obwohl sie selbst noch nicht mehr als das Horoskop gelesen hatte.

„Ich hätte auch Zeit, mir den ganzen Tag den neusten und bösartigsten Schimpf einfallen zu lassen, wenn ich im Unterricht nichts anderes tun würde, als meine Finger so tief wie möglich in meine Nasenlöcher zu stecken!“ wetterte Nives.

Tante Enora könnte gar nicht so unrecht gehabt haben, als sie meinte, Nives hätte ihren Kopf wohl in der Schule liegen lassen. Spätestens in der zweiten Mathematikstunde hatte sie ihn auf der Tischplatte neben sich abgelegt, und sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn danach wieder aufgesetzt zu haben. So fühlte es sich auf jeden Fall an. Ausser an die Piesackereien der Fieslinge konnte sie sich kaum an den Schultag erinnern, den sie gerade hinter sich gebracht hatte. Nichts Neues, also.